Pfarrnachrichten 41/21 (B)

"Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach" (Mk 10,21)

Das Evangelium von diesem Sonntag (Mk 10, 17 – 30) ist eine von weiteren Episoden, die sich auf dem Weg Jesu von Galiläa nach Jerusalem ereignen. Es sind Episoden, die das christliche Leben in der Nachfolge Jesu entfalten: So wie Jesus auf dem Weg war, so werden auch die Jünger Jesu aller Generationen auf dem Weg sein. Das christliche Leben erschließt sich in der Vielzahl seiner Facetten immer nur schrittweise.

Auf diesem Weg von Galiläa nach Jerusalem, wie ihn der Evangelist Markus darlegt (Mk 8,27 – 10,52), kündigt Jesus dreimal seinen Tod und seine Auferstehung an. Dazwischen werden Ereignisse erzählt, die darlegen, dass Tod und Auferstehung Jesu das christliche Leben in allen Bereichen prägen: in übertragen-allgemeingültiger aber zugleich fundamentaler Weise nämlich.

Da ist unter anderem von Selbstverleugnung die Rede; und von dem Neuen, das Gott vom Himmel aus schenkt, wenn man das „Alte“ – Neid, Missgunst, Herrschsucht, Begierde und Ähnliches dieser Art – zurücklässt.

Dieser längere Weg endet mit der Erzählung des geheilten Bartimäus (Mk, 10,46-52), der Jesus dann auf seinem Weg nachfolgt. Der von seiner Blindheit Geheilte kann als Symbol für das rechte Verhalten der Jünger und der Christen gedeutet werden: die Jünger, die auf dem Weg nach Jerusalem wie mit Blindheit geschlagen sind, werden (nach Ostern) wieder sehen und Jesus verstehen.

In der für diesen Sonntag aktuellen Episode geht es um einen Mann, der danach fragte, was er tun müsse, „um das ewige Leben zu erben?“ Alle Gebote habe er „von Jugend an befolgt.“ Darauf erwiderte ihm Jesus: „Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ Als der Mann das hörte, „ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.

Als Jesus seinen Jüngern daraufhin auch noch erklärte, dass es „für Menschen, die viel besitzen“ äußerst schwer sei, „in das Reich Gottes zu kommen“ und „ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“, gerieten sie „über alle Maßen außer sich vor Schrecken und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden?“ Die Antwort Jesu auf diese entscheidende Frage lautet: „Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.

Damit ist auch diese Episode als Lehrstück – hier der christlichen Loslösung von allem Besitz – hineingenommen in das zentrale Anliegen der Nachfolge Jesu. Diese ist nur authentisch, wenn sie auf Kreuz und Auferstehung aus ist.

Der Katechismus der Katholische Kirche erklärt zur christlichen Loslösung (Nr. 2544): „Jesus macht es seinen Jüngern zur Pflicht, ihn allem und allen vorzuziehen, und schlägt ihnen vor, um seinetwillen und um des Evangeliums willen (Vgl. Mk 8,35) auf ihren »ganzen Besitz« zu verzichten (Lk 14,33). Kurz vor seinem Leiden stellt er ihnen die arme Witwe von Jerusalem als Vorbild hin, die, obwohl selbst bedürftig, alles gab, was sie zum Leben besaß (vgl. Lk 21,4). Das Gebot der Loslösung von den Besitztümern zu erfüllen, ist notwendig, um in das Himmelreich zu gelangen.

Wie das nun konkret zu verstehen ist, erklärt Jeus abschließend folgendermaßen: Wer um Jesu „und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen“; interessanterweise also nicht erst dereinst, sondern schon „jetzt in dieser Zeit …, wenn auch unter Verfolgungen.“ Darüber hinaus wird er dann „in der kommenden Welt das ewige Leben“ erhalten.

Weit mehr als im materiellen Verzicht – wenn auch dieser konkret notwendig bleibt – besteht die christliche Armut folglich in der frei gewählten inneren Loslösung von allem Besitz und allem Reichtum. Dafür muss der alte Mensch in seinem Besitzen- und Habenwollen fortwährend sterben. Nur so vermag er von Gott her die „Armut im Geiste Jesu“ als neuer Mensch zu erwerben (vgl. hierzu Mt 5,3: „Selig, die arm sind vor Gott").

Sie wird auch „Armut des Herzens“ genannt. Anders als im inneren Sterben und Auferstehen („unter Verfolgung“) kann sie nicht zu einer belastbaren Wirklichkeit werden, die alle irdischen Güter dann ausschließlich gebraucht zum Wohl der Menschen und der Schönheit Gottes wegen. So reiht sich die „Armut des Herzens“ ein in das Streben nach vollkommener Liebe im Sinne Jesu, wie Gott sie ermöglicht; denn „für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott“.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 40/21 (B)

Die Familie: Abbild der Gemeinschaft der drei Personen des einen Gottes

Wieder einmal wollten Pharisäer Jesus mit einer Frage „versuchen“. So berichtet es der Evangelist Markus im Sonntagsevangelium dieser Woche (Mk 10, 2–16). Sie stellen ihre Frage so, dass sie von Jesus mit Ja oder Nein zu beantworten wäre: „Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen?“

Jesus „antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben?“ Mit seiner Gegenfrage verändert er die Ausgangssituation. Denn nun müssen die Pharisäer mit dem Hintergrund ihrer Frage zugleich ihre Absicht offenlegen. Wahrheitsgemäß antworten sie: „Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen.

So wird nun deutlich, dass sie ein „Nein“ als Antwort von Jesus auf ihre Ursprungsfrage wie eine Gesetzesverletzung ausgelegt hätten. Die „Pharisäer“, damals wie heute, sind „Autoritätsgläubige“, die das mosaische Gesetz wohl wiedergeben, die Frage nach der Beziehung des Menschen als Mann und Frau in der Ehe aber nicht wirklich beantworten können.

Jesus hingegen ermöglicht das rechte Verständnis für diese durchaus anspruchsvolle Frage. „Er entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er (Mose) euch dieses Gebot gegeben.“ Aus dem Gesamt der Sonntagsperikope ergibt sich, dass Jesus nicht so sehr die Hartherzigkeit dem Nächsten, sondern vor allem Gott gegenüber meint.

Im zweiten Teil der Langfassung des Sonntagevangeliums berichtet Markus ab Vers 13 nämlich nur scheinbar unvermittelt, wie Jesus Kindern die Hände auflegte, die man zu ihm brachte. Dazu erklärte er seinen Jüngern: „Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“

Aus der von Markus beabsichtigten Aneinanderreihung ergibt sich, dass die Hartherzigen diejenigen sind, die nicht so wollen, wie Gott will. So folgen die Hartherzigen ihrem Begehren, oft auch willkürlich. Damit das nicht überhandnimmt und um die Schwachen vor dem Begehren der Stärkeren zu schützen, hat Mose die Scheidungsurkunde erlaubt. Sie gab der Frau zumindest ein Minimum an Sicherheit und lieferte sie dem Mann fortan nicht mehr völlig recht- und hilflos aus.

Im Folgenden bringt Jesus eine der großen Offenbarungen Gottes in der Heiligen Schrift über den Menschen wie folgt auf den Punkt: „Am Anfang der Schöpfung … hat Gott sie (die Menschen) als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“

Die Möglichkeit der Trennung und Neuverbindung ist keine Anordnung Gottes, die Gutes fördert. Sie ist lediglich ein Zugeständnis des Mose, die Schlimmeres verhindert. Der tiefere Grund dieses Zugeständnisses ist die Unfähigkeit des Menschen, sich aus eigener Kraft als Mann und Frau in der ehelichen Verbindung so zu verstehen, wie Gott den Menschen zu seinem Wohl mit Blick auf seine Geschlechtlichkeit, auf Ehe und Familien hin gewollt hat.

Die teils merkwürdigen, schrägen und abwegigen Ansichten hierzu, wie sie eine vermeintlich neuen humanwissenschaftlichen Einsichten ergebene Mehrheit des sogenannten synodalen Weges derzeit formuliert, scheinen aus jener Hartherzigkeit hervorzugehen, die Jesus den Menschen um Mose bis hin zu den Pharisäern vorwerfen musste. Die „synodale Versammlung“ scheint mehrheitlich nicht mehr sehen zu können, was Gott in der Vollmacht seiner Gnade möchte und möglich macht, sondern nur noch das, was der Mensch in seiner gebrochenen Schwachheit vermag.

Demgegenüber betont Jesus zum einen die Schöpfungsabsicht Gottes, die er in einer nachvollziehbaren und vernünftigen „Ökologie des Menschen“ grundgelegt hat. Diesem „Ökosystem Mensch“ schenkt Gott zudem ein besonderes Interesse, wo es um Ehe und Familie geht. Er segnet Mann und Frau nicht nur in ihrer guten Absicht, in ihrer Ehe gegenseitig treu zu bleiben. Weit darüber hinaus schenkt Gott dem Mann wie der Frau auch seine Treue, durch die er an ihrer ehelich-familiären Verbundenheit unfehlbar mitwirkt. Gott selber begibt sich in seinem gnadenhaften Wirken mit hinein in das, was als Ehe und Familie durch Mann und Frau gemeinsam mit Gott in gegenseitiger Liebe und Treue als etwas ganz Neues, als eine reale „Neuschöpfung“ dasteht: „Sie sind also nicht mehr zwei, sondern – durch Gottes besondere Mitwirken – eins.“

Jede verquere Neuauflage überholter mosaischer Zugeständnisse an Trennung und quasifamiliärer Patchwork-Ersatzformen – nur wegen der Hartherzigkeit Gott gegenüber; und nur, um Schlimmeres zu vermeiden – erübrigt sich, wo das Reich Gottes so angenommen wird, „wie ein Kind“ es annimmt.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 38+39/21 (B)

(C) PIXABAY

Das Evangelium vom 25. Sonntag im Jahreskreis (Mk 9,30-37) verbindet zwei sich ergänzende Ereignisse. Zum ersten berichtet Markus darüber, dass Jesus mit seinen Jüngern „incognito“ in Galiläa unterwegs war: „Er wollte nicht, dass jemand davon erfuhr“. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wollte Jesus seine Jünger über etwas belehren: Er werde den Menschen ausgeliefert, „und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.“ Die Jünger verstanden ihn nicht, „scheuten sich jedoch, ihn zu fragen.“

In den zweitausend Jahren Christentum fällt es der Schar der Jünger Jesu regelmäßig von neuem schwer, diese Botschaft Jesu von der Erlösung durch das Kreuz „zu verstehen“. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Gegenwärtig etwa wird gefordert, die Kirche müsse „menschlicher“ werden. Sie müsse insbesondere Ihre vermeintlich überholte, hierarchische Struktur zurücklassen. Und sie müsse auch ihre Einstellung und Haltung zur Sexualität reformieren und sich neueren Erkenntnissen öffnen.

Grundsätzlich ist die Kirche – und in ihr jeder Gläubige – „semper reformanda“: immer reform- und erneuerungsbedürftig. Aber dies zugleich nie am erlösenden Kreuz vorbei. Wo das Kreuz bei der Forderung einer „menschlicheren“ Kirche und einer neuen Sexualmoral außer Acht gelassen wird, geschieht, was Markus „pars pro toto“ als zweites Ereignis berichtet.

Als sie in Kafarnaum ankamen, fragte Jesus sie: „Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei.

Ohne Kreuz verfehlt der Mensch das durch Jesus ermöglichte Heil. Ohne Kreuz verliert sich der Mensch doch wieder nur im allzu Menschlichen.

Die dem Menschen von Gott zugedachte Heiligkeit setzt voraus, dass der alte Mensch stirbt, der abgrundtief in jedem steckt. Nur so ist Erneuerung im Sinne Jesu möglich: eine Vergöttlichung des Menschen, die seine natürliche Kraft weit übersteigt.

Die aktuellen Forderungen nach einer „menschlichen“ Kirche mit „zeitgemäßen“ Ansichten – etwa die vermeintliche Möglichkeit, mit Gottes Segen auch außerhalb der traditionell-familiären Verbindlichkeiten zusammen leben zu können – blenden weitgehend aus, dass zur Erneuerung der Kirche wie des Menschen unverzichtbar die Kreuzesnachfolge gehört.

Nicht die von Gott durch Jesus der Kirche geschenkte hierarchische Struktur muss sterben, sondern deren allzu menschlicher Missbrauch. Nicht die schöpfungsgemäß an die Weitergabe des Lebens, die lebenslange Liebe und an das Geschlecht gebundenen Sexualität muss sterben, sondern deren allzu menschlicher bzw. unmenschlicher Missbrauch.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 37/21 (B)

Du bist der Christus

Das Sonntagsevangelium berichtet, dass Jesus seinen Jünger zwei sehr ähnliche, aber doch auch ganz verschiedene Fragen gestellt hat (Mk 8, 27–35). Sie waren unterwegs „in den Dörfern bei Cäsaréa Philíppi“, und „auf dem Weg fragte Jesus die Jünger: Für wen halten mich die Menschen?

Wahrheitsgemäß gaben die Jünger ihre Eindrücke wieder (Mk 8, 28): „Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elíja, wieder andere für sonst einen von den Propheten.“ Ihrer Antwort lässt sich entnehmen, dass sie selber anderer Meinung sind. Für sie ist Jesus nicht irgendein Prophet mehr, der sich der einen oder anderen Ausrichtung zuordnen ließe.

Das wird deutlich, als stellvertretend Petrus ihre Überzeugung kundtat, wie der Evangelist Markus im Folgenden berichtet (ibid., 29): „Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus!

In der Kurzformel „Jesus ist der Christus“ kommt der Kern des christlichen Glaubens zum Ausdruck: Jesus, der einfache Zimmermannssohn aus Nazareth, ist der erhoffte Messias und Retter. Er ist eben nicht (s.o.) „einer von den Propheten“, und ebenso wenig ein Sozialreformer oder irgendein politischer Revolutionär oder Neugestalter.

Die Frage Jesu an die Jünger „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“, richtet Jesus bis heute und auch in Zukunft an alle Menschen guten Willens. Denn, wie Petrus es dann nach der Auferstehung Jesu gesagt hat (Apg 4,12): „Es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen“. Dieser Name ist „Jesus, der Christus“.

In Jesus ist der eine, wahre und dreifaltige Gott nicht Mensch geworden, um diese Welt in ihrer vergänglichen Gestalt zu retten und zu bewahren, sondern um dieser Welt ihre zukünftige Gestalt bleibend und endgültig zu ermöglichen, die sie in Abkehr von Gott abgelehnt und verworfen hat. Das ist das eigentliche Drama der ganzen Schöpfung, das auch jedem Menschen persönlich und individuell als Aufgabe gestellt bleibt.

Deshalb (Mk 8,30) „gebot ihnen Jesus, niemandem etwas über ihn zu sagen.“ Der wahre Sinn der Rettung durch IHN, Jesus, den Christus, ist nur von seinem Kreuz und seiner Auferstehung her zu verstehen. Im Kreuz Jesu findet die vergängliche Welt ihr Ende und in der Auferstehung Jesu ihren Neubeginn in anderer Gestalt. Das gilt insbesondere auch individuell für jeden Menschen guten Willens.

So kann Petrus auch erst nach der Auferstehung Jesu allen verkündigen (Apg 2,36): „Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.

Anfangs wehrte Petrus sich dagegen, dass die erlösende Rettung, wie Gott sie durch seine Menschwerdung in der Person Jesu schenkt, nicht in dieser vergänglichen Welt verbleibt. Als Jesus dann „mit Freimut“ (vgl. Mk 8,31f) über sein bevorstehendes Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung sprach, „nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen.“

Darauf antwortete Jesus ohne jedes Zögern und wies dabei Petrus in erschreckender Deutlichkeit zurecht (Mk 8,33): „Tritt hinter mich, du Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.

Nur durch die christlich recht zu verstehende Selbstverleugnung und Kreuzesnachfolge ist das Leben zu gewinnen, wie Jesus es dann erklärt (Mk 8,34f): „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.

Jeder, der in rechter Weise aus dem Gebet heraus, durch die Mitfeier der Heiligen Geheimnisse und dem gläubigen Empfang der Sakramente in dieser Weise lebt, der erlebt dann, wie schon das vergängliche, irdische Leben in überraschender Erfüllung sich dem ewigen Leben – und damit Gott selber – zu öffnen beginnt.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 36/21 (B)

Die Heilung eines Taubstummen

Auf dem Weg von der Mittelmeer-Küstenstadt Tyrus zum See von Galiläe, wo sich die Heilung des Taubstummen ereignen wird (vgl. Mk 7,31-37), wählt Jesus den Weg über die weiter nördlich gelegene Mittelmeerstadt Sidon. Er wird wohl den Weg entlang der Küste gegangen sein. Womöglich hat ihn der Blick über die Weite des Mittelmeeres inspiriert, an all die Vielen jenseits des Mittelmeeres zu denken, denen einmal sein Wort verkündet werde.

Die Verkündigung des göttlichen Wortes setzt voraus, dass es vom Gegenüber auch gehört und verstanden werden kann. Darum geht es in diesem, dem aktuellen Sonntagsevangelium, das von der Heilung eines Taubstummen erzählt (s.o.: Mk 7,31-37).

Der Evangelist Markus berichtet, dass „man einen Taubstummen zu Jesus brachte und ihn bat, er möge ihn berühren.“ Überraschenderwiese bitten sie Jesus nicht darum, den Taubstummen zu heilen, sondern ihn zu berühren. Das ist umfassender.

Es geht beim Heilungsereignis, das Markus erzählt, nicht einfach um leibliche Gesundheit. Es geht vielmehr um die Berührungen, wie Gott sie schenkt. Es sind heilende Berührungen, durch die Gott über den Leib hinaus auch die Seele des Menschen heilt. So wird dann im Folgenden das Heilungsereignis ganz besonders vom Glauben an Gott her erzählt.

Gott möchte jeden Menschen berühren. Er tut dies in seiner Kirche vor allem durch die Sakramente, die in ihr als wirksame Heilszeichen gespendet werden. In der Folge wird das Wort Gottes in ihr nicht nur akustisch gehört und wahrgenommen. Es verändert die Gläubigen auch, und führt dazu, dass das Wort Gottes den Gläubigen das Herz aufschließt und sie erfahren lässt, wie gut Gott ist.

Aus dieser Perspektive berichtet Markus dann, dass Jesus den Taubstummen „beiseite nahm, von der Menge weg, ihm die Finger in die Ohren legte und dann die Zunge des Mannes mit Speichel berührte. Danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich!

Wie den Taubstummen nimmt Jesus jeden Menschen, der bereit ist, sich auf ihn einzulassen, erst einmal beiseite. Zu allen Zeiten muss der Gläubige nämlich gegen den Strom schwimmen. Deshalb sondert die Verbundenheit mit Gott den Gläubigen zunächst von der Menge ab.

Mehr oder weniger authentische Volksfrömmigkeit mag als „Herdentrieb“ hilfreich sein. Aber von sich aus führt sie nicht zu Gott. Sie bleibt ambivalent und hat in der Geschichte zu schlimmen Verfehlungen, zu Aberglaube bis hin zu Religionskriegen geführt.

Zugleich ist diese Ab- und Aussonderung weg von der Menge keineswegs Selbstzweck. Sie ist aber notwendiger Schritt hinein in die Vertrautheit mit Gott, die allein den Menschen heilt. In seiner vererbten Gottlosigkeit und im Zustand seiner gefallenen Natur ist nämlich jeder Mensch erst einmal dem Taubstummen gleich. Die große Welt Gottes und die seines menschgewordenen Wortes, in der allein der Mensch zur Vollendung gelangt, ist jedem Menschen – mit der Gottesmutter Maria als einzige Ausnahme –, erst einmal verschlossen und durch die Sünde versperrt.

Das dürfte der Hintergrund sein, vor dem Jesu (s.o.) „zum Himmel aufblickte, seufzte und (erst dann) zu dem Taubstummen sagte: Effata!

Die Weitergabe des aus sich heraus gnadenlosen Menschenlebens an die jeweils eigenen Kinder bleibt bis zum Ende der Zeit eine Herausforderung. Der auch zukünftig hoffende Blick zum Himmel vermag das begleitende Seufzen nicht zu beenden. Und auch die auffälligen Handlungen Jesu, die an die Sakramente erinnern, vermögen es nicht. Das begleitende Seufzen bleibt auch nach der Taufe.

Im optionalen „Effata-Ritus“ bei der Taufe berührt der Taufende Ohren und Mund des zu Taufenden und spricht dabei das nicht übersetzte „Effatat“, das aramäische „Öffne dich.“

Als wir in der Taufe Christen wurden, haben sich unsere Ohren für das Wort Gottes geöffnet. Und doch sind wir so oft taub für das, worum Gott uns bittet. „Sind wir nicht alle taubstumm“ – fragt Joseph Ratzinger in einer Predigt (JRGS 14/1 S. 375) – „oder wenigstens recht schwerhörig Gott gegenüber? Es ist so viel innerer und äußerer Lärm in uns und um uns, dass wir die leise Stimme Gottes nicht hören können. Unsere Sorgen, unsere Wünsche, unsere Geschäfte, der Lärm der öffentlichen Meinung – das alles blockiert unser Gehör Gott gegenüber.

Schüler Gottes müssen wir werden, uns jeden Morgen neu das Ohr und das Herz von ihm öffnen lassen, die innere Wachheit für ihn erlernen, damit wir nicht das Wichtigste in unserem Leben überhören. Vom Herrn müssen wir uns, wie Jesus den Taubstummen, ab und zu »beiseitenehmen« lassen, »von der Menge weg«, damit er uns die Ohren auftun kann, damit wir Schüler Gottes werden und damit er selbst, das lebendige Wort, unsere Türen nicht verschlossen findet. So spüren wir schon, dass das Hörenlernen auf Gott und erst recht das Zeugnisgeben für ihn keine bloß intellektuelle Angelegenheit ist.“

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 35/21 (B)

Priesterweihe (Bild 1 und 2 oben); Erste feierliche Hl. Messe [mit meinen Eltern, denen ich so viel verdanke, als "Ministranten"] (untere Reihen: Bild 3 bis 6).

In den letzten zwei Wochen trafen sich mehrfach und emsig die „üblichen Verdächtigen“ und allseits in der Pfarrei Bekannten immer wieder im Pfarrbüro. Diese Herrschaften waren erkennbar darauf bedacht, dass der Pastor außen vor bleibe. Das war dann für den Pastor wie in den Kinderjahren vor Weihnachten, an denen das Christkind mit den Erwachsenen korrespondierte, unerkannt ein und ausging und sich doch zugleich merklich etwas tat.

Ja, und natürlich freut es mich, wenn am Montag, dem 30. August, eine Reihe derer, die sich hier in St. Pantaleon zu Hause fühlen, gemeinsam mit ihrem Pastor den 40. Jahrestag seiner Priesterweihe feiern möchten.

In diesen 40 Jahren war mir nie langweilig. Und ich durfte an unterschiedlichen Orten im Weinberg des Herrn tätig sein. Und wenn mich jemand fragen würde, ob ich mich denn auch heute noch genauso entscheiden würde wie vor 40 Jahren, dann sage ich dankbar für all das, was der Herr einem in diesen Jahren geschenkt hat: Aber natürlich, genauso und ohne jede Einschränkung.

In diesen 40 Jahren habe ich oft erfahren dürfen, dass es wirklich so ist, wie es beim Propheten Jesaja (65, 23) steht: „Electi mei non laborabunt frustra“ (Meine Auserwählten werden nicht umsonst arbeiten).

Die Fotos sind vom Tag meiner Priesterweihe und vom Tag meiner ersten feierlichen Hl. Messe (mit meinen Eltern, denen ich so viel verdanke, als „Ministranten“).

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 34/21 (B)

Illustration eines von 136 Eucharistischen Wundern, die Carlo Acutis im Alter von 11 bis 14 Jahren dokumentiert hat. Hier das Eucharistische Wunder, das 2013 in Liegnit, Polen geschah.

An diesem 21. Sonntag im Jahreskreis hören wir als Evangelium den Abschluss der eucharistischen Rede Jesu in Kafarnaum, wie der heilige Johannes sie uns im sechsten Kapitel seines Evangeliums überliefert. Begonnen hatte alles mit einer Brotvermehrung. Nachdem alle satt geworden waren, entzog sich der Herr dem Zugriff der Menge. Johannes erzählt es so (Joh 6,15): „Jesus erkannte, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.“

Er wollte nicht „Brotkönig“ sein. Das wird auch deutlich, als die Menschen ihn am nächsten Tag suchten, ihn schließlich „am anderen Ufer des Sees fanden“ und dann fragten: „Rabbi, wann bist du hierhergekommen? Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird!“ (Joh 6, 25-27)

Schließlich erklärte ihnen Jesus, dass sein „Vater das wahre Brot vom Himmel gibt. Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.“ (ibid. 32b-33) Irgendwie hatte Jesus damit dann doch ihre Befindlichkeit getroffen, denn: „Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot!“ (ibid. 34)

Unmittelbar darauf begann die Stimmung aber wieder zu kippen. Die Zuhörer „murrten gegen ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Und sie sagten: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen?“ (ibid. 41-42)

Daraufhin erklärte ihnen Jesus unumwunden und im Klartext: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“ (ibid. 51)

Auf das erste Erschrecken und die unter den Zuhörern aufgeworfene Streitfrage hin: „Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“ (ibid. 52) erwiderte Jesus: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. … Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.“ (ibid. 53.55-56)

So kam es zu einer Spaltung unter den Jüngern. „Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?“ (ibid. 60) Schließlich „zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher. Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen? Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (ibid. 66-68)

Daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert. Bei weitem nicht alle schenken den Worten Jesu Glauben. Viele bleiben einfach weg.

Der biblische Befund ist eindeutig. Der überlieferte Glaube der Kirche nicht weniger. Über den biblischen Befund und den überlieferten Glauben der Kirche hinaus haben sich weltweit auch zahlreiche „eucharistische Wunder“ ereignet. Sie sind glaubhaft dokumentiert. 146 davon wurden von dem am 10. Oktober 2020 in Assisi seliggesprochenen Carlo Acutis zusammengestellt.

Als 11jähriger begann er mit seiner Arbeit und schloss sie mit 14 ab. Im Alter von 15 Jahren verstarb er in Monza, Italien. Sein Leben als Kind und Jugendlicher ist so eindrucksvoll wie die von ihm zusammengestellten eucharistischen Wunder. Seine Dokumentation dieser Wunder wurde bereits weltweit an vielen Orten vorgestellt; derzeit bei uns in St. Pantaleon, wo sie noch bis Ende August zu sehen sein wird.

Mehr an Evidenz lässt sich auch nicht in Antworten und Beweisen auf naturwissenschaftliche Fragen herstellen. Entscheidend ist der Glaube. So wie es Petrus bekennt: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“

Möge die skizzierte Evidenz auch heute Menschen berühren, den Schritt in das Vertrauen gegenüber Gott zu vollziehen. Solche Menschen sind selig. Sie tragen Gottes Segen weiterhin spürbar in unsere Welt hinein.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 33/21 (B)

Maria Himmelfahrt - Titian

Seit Jahrhunderten betrachtet die Kirche im 4. Geheimnis des glorreichen Rosenkranzes „die Aufnahme Mariens in den Himmel“.

Von der Sache her liegt es nahe, dass der auferstandene und in den Himmel aufgefahrene Jesus nun auch seine Mutter Maria nach ihrem Tod mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen hat. Ähnlich nachvollziehbar ist, dass zur von Gott verheißenen Erlösung auch die Erlösung unseres Leibes, ja der ganzen Schöpfung gehört. Nur mit Seele und Leib sind wir dann auch im Himmel und für immer ganz und wirklich Mensch.

So hat sich bereits im Lauf der ersten christlichen Jahrhunderte durch das Wirken des Heiligen Geistes die Überzeugung verfestigt, dass Jesus Christus seine von ihm über alles geliebte Mutter Maria in außergewöhnlicher Weise in seinen Sieg über Sünde und Verwesung mit hineingenommen hat. Schließlich hat Papst Pius XII. am Allerheiligenfest, dem 1. November 1950, als Glaubensüberzeugung der Kirche verkündet: Es ist von Gott geoffenbart und in der Bibel begründet, dass Gott mit der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel ihre ganzheitliche Vollendung schon jetzt bewirkt hat; in Vorwegnahme der kommenden, allgemeinen Auferstehung aller von den Toten.

Der Akzent des heutigen Festes liegt also darin, dass Maria – wie ihr göttlicher Sohn – mit Leib und Seele schon jetzt in der Herrlichkeit des Himmels ist. Mit dem heutigen Fest bekennen und feiern wir die Kraft und Reichweite der durch Jesus bewirkten Erlösung. Mit seiner göttlichen Gnade erfasst er den ganzen Menschen. Er heiligt ihn an Leib und Seele und verhilft ihm so zur vollen Entfaltung seines Wesens und seiner Beziehungen in der Welt, in der er lebt; wie auch im Himmel, in dem er einmal für immer leben soll.

In einer Predigt vor wenigen Jahren im Speyrer Dom verdeutliche der dortige Ortsbischof Wesemann: „Als Papst Pius XII 1950 die Aufnahme der Gottesmutter Maria mit Leib und Seele in den Himmel zum Glaubenssatz für die ganze Kirche erklärte, sollte das auch ein klares Zeichen sein nach der Verwüstung der Menschenwürde durch die beiden Weltkriege mit ihren Abermillionen von Toten, Verletzten, Vertriebenen, grausam Ermordeten. Es sollte ein Zeichen der Siegeskraft des Lebens und der Leib und Seele umfassenden Menschenwürde aufgerichtet werden, die durch keine Vernichtungsmaschinerie, durch keine noch so verblendete Ideologie und keinen noch so abgründig geschürten Hass zerstört werden kann. Das Zeichen am Himmel (vgl. Offb.12), die gebärende Frau mit ihrem schutzbedürftigen Kind, wurde zum Mahnzeichen der Umkehr und radikalen Umbesinnung: Nie wieder Krieg, nie wieder ein solcher Hass, nie wieder eine solche Zerstörung des Humanen – um unserer Kinder willen. Die sollten einmal anders aufwachsen und leben können.

Dieses Zeichen am Himmel ist auch heute aufgerichtet. Mit dem Fest der Verklärung des Leibes der Mutter Gottes bezeugen wir Christen, dass der von Gott geschaffene Leib des Menschen ein Tempel des Heiligen Geistes, eine Wohnung des Dreifaltigen Gottes ist. Die Aufnahme und Verklärung der Mutter Jesu mit Seele und Leib in die Ewigkeit des Himmels weist auch uns Menschen von heute auf die von Gott gegebene Heiligkeit und Würde unseres menschlichen Leibes und Lebens hin; und auch noch weit über uns als Individuen und Einzelpersonen hinaus.

In seiner Enzyklika „Laudato si“ über die Sorge um das gemeinsame Haus der Schöpfung, das uns Gott anvertraut hat, wendet sich Papst Franziskus zum Schluss an Maria: “Maria, die Mutter, die für Jesus sorgte, sorgt jetzt mit mütterlicher Liebe und mit Schmerz für diese verletzte Welt. Wie sie mit durchbohrtem Herzen den Tod Jesu beweinte, so fühlt sie jetzt Mitleid mit den Armen an ihren Kreuzen und mit den durch menschliche Macht zugrunde gerichteten Geschöpfen... In den Himmel erhoben ist sie Mutter und Königin der ganzen Schöpfung... Sie schaut in ihrem Herzen nicht nur auf das ganze Leben Jesu, das sie dort sorgsam bewahrte (vgl. Lk 2, 19.51), sondern versteht jetzt auch den Sinn von allem. Darum können wir sie bitten, dass sie uns hilft, diese Welt mit weiseren Augen zu betrachten.“ (LS 241)

Diese Welt mit weiseren Augen zu betrachten“ und daraus ein neues Handeln zu lernen – das erscheint in der Tat das Gebot der Stunde zu sein, erklärte der Bischof von Speyer vor einigen Jahren: „Es vergeht kein Tag, an dem nicht von der zentralen Herausforderung für die Menschheit und den Planeten, auf dem wir leben, die Rede ist: von der Tatsache, dass der Mensch so fundamental in die Abläufe der Schöpfung eingreift, dass er zu einem wesentlichen, wenn nicht gar zum entscheidenden Faktor der Entwicklung geworden ist.

Mit der leiblichen Verklärung Mariens ist also auch angezeigt, dass Jesu aus seiner göttlichen und gnadenhaften Kraft heraus in der Lage ist, alle irdischen Bereiche, alle staatlichen, wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die ganze materielle Welt zu verwandeln, zu vermenschlichen – in Richtung auf den verheißenen neuen Himmel und die neue Erde (vgl. Offb 21,1), wo es kein Leid, keinen Tod und keine Trauer mehr geben wird (vgl. ibid., 4), sondern ewige Harmonie und Freude mit Gott und allen Geretteten.

Das führt uns am Hochfest der Aufnahme Mareins in den Himmel die Heilige Schrift vor Augen mit dem „großen Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“ (Offb 12,1)

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 31+32/21 (B)

An den kommenden Sonntagen werden als Evangelium der Reihe nach Abschnitte aus der großen eucharistischen Rede Jesu in Kafarnaum aus dem sechsten Kapitel des Johannesevangeliums vorgetragen. Dazu passt wunderbar die Ausstellung „Die Eucharistischen Wunder in der Welt“, die vom 16. bis zum 31. August 2021 in St. Pantaleon gezeigt wird.

Rund 136 von der Kirche weltweit anerkannte „eucharistische Wunder“ werden fotografisch und in faksimilierten, historischen Beschreibungen vorgestellt. Zusammengestellt und aufgebaut wurde die Ausstellung von Carlo Acutis, einem mit 15 Jahren an Leukämie verstorbenen und am 10. Oktober 2020 in Assisi seliggesprochenen Italiener.

Carlo Acutis war diese Ausstellung ein Herzensanliegen, um den Menschen zu helfen, an die reale Gegenwart Jesu in der Heiligen Eucharistie zu glauben. Mit Unterstützung seiner Eltern hat er seit seinem 11. Lebensjahr innerhalb von drei Jahren die Ausstellungsinhalte zusammengetragen und als Webseite angelegt. Um an die Dokumente zu gelangen, besuchte er viele Orte, an denen anerkannte Eucharistische Wunder geschehen waren. Er recherchierte vor Ort, dokumentierte und fotografierte selbstständig. Aus dem gesammelten Material erstellte er die Dokumentation auf einer Seite im Internet. Carlos Website wird auch heute noch gepflegt und regelmäßig aktualisiert: www.miracolieucaristici.org.

Weltweit wird die Ausstellung als Wanderausstellung gezeigt, so in Fatima, Lourdes und Santiago de Compostela. In Deutschland war sie zuletzt vom 1. bis 21. Juli in der Münchner Heilig-Geist-Kirche zu sehen. Ein Interview mit der Organisatorin der Münchner Ausstellung, Fr. Oana Kreitmair, findet man bei Radio Horeb: www.horeb.org (“Carlo Acutis – Ausstellung über Eucharistische Wunder“, 14.07.2021).

Die Ausstellung in der Pfarrei St. Pantaleon in Köln ist im genannten Zeitraum (16.-31.08.2021) täglich von 8 bis 21 Uhr zu besichtigen (Gottesdienst- und gemeinschaftliche Gebetszeiten ausgenommen) und wird von Pfarrer Tobias Brantl aus der Pfarrei St. Anton in Kempten (Allgäu) am Montag, den 16. August mit einem Gebetsabend ab 17 Uhr eröffnet. Im Anschluss an die Heilige Messe (18:30 Uhr) hält Pfr. Brantl ab 19:30 Uhr einen öffentlichen Impuls-Vortrag über den jugendlichen Seligen Carlo Acutis mit anschließendem Austausch. Pfarrer Brantl ist Mitglied der deutschlandweit aktiven Gruppe „Freunde von Carlo Acutis“ (www.CarloAcutis.de), die diese Kölner Ausstellung organisiert.

Die Gruppe „Freunde von Carlo Acutis“ hat sich nach Carlos Seligsprechung in St. Pantaleon gegründet. Die Mitglieder bemühen sich – mit Carlos Unterstützung und nach seinen Vorschlägen – so zu leben, dass man heilig werden kann. Sie wollen Carlo und seine Anliegen bekannt machen und alle an Carlo Interessierten vernetzen. Jeden Montagabend lädt die Gruppe dazu ein, ab 17 Uhr am Abendprogramm der Pfarrei St. Pantaleon mit der Eucharistischen Anbetung, dem Rosenkranz und der Hl. Messe teilzunehmen und trifft sich anschließend mit allen Interessierten zum Gespräch.

Weitere Informationen www.CarloAcutis.de

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 29+30/21 (B)

Noch ist zu lesen: „Ave Maria“. Auch wenn die Marienfigur an der Erft in Euskirchen-Kreuzweingarten von den Wasserfluten einfach weggespült wurde: Gott und der Himmel bleiben uns nahe. – Mit der Kraft aus dieser Glaubenserfahrung und Glaubensgewissheit helfen und beten wir.

Derzeit sind wir eng im Gebet mit all denen verbunden, die durch die Überflutungen Angehörige und teilwiese oder gänzlich ihre Existenzgrundlage verloren haben.

Mögen nun auch all die Gottes unendlicher Liebe und seinem Erbarmen begegnen, die der Allmächtige durch Hochwasser und seine Folgen aus der irdischen Lebenszeit soeben abberufen hat.

Das Sterben und die Katastrophen sind und bleiben eine große Herausforderung. Zugleich lassen vor allem sie erfahren, dass am Ende nur die Liebe Gottes zählt, weil nur sie unserem Leben einen krisenfesten Sinn und bleibende Erfüllung zu geben vermag.

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Das Evangelium vom 16. Sonntag im Jahreskreis ist ein wunderbares Urlaubsevangelium! Der heilige Markus berichtet im 6. Kapitel, Vers 30 folgende, dass die von Jesus ausgesandten Apostel zurückgekehrt waren „und ihm alles berichteten, was sie getan und gelehrt hatten.“

Gewiss waren sie erfüllt von dem, was sie erlebt hatten. Aber sie waren auch abgearbeitet, müde und „urlaubsreif“. Zumindest legt das der Bericht des Hl. Markus unmissverständlich nahe: „Da sagte Jesus zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus! Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.

Es ist herrlich, wie der heilige Markus die Fürsorge und Anteilnahme des Herrn am bereitwilligen Dienst der Apostel schildert. Er nimmt die Apostel nicht nur in Dienst. Er kümmert sich auch um sie. Er baut sie auf. Er lässt sie wachsen und reifen in ihrer Bereitschaft, am Aufbau des Reiches Gottes mitzuwirken. Jesus bedient sich ihrer nicht, sondern hilft ihnen, ihr ureigenes Potential zu entdecken und zu entfalten, um segensreich und zum Wohle aller da zu sein.

Hierzu passt, was der Herr an anderer Stelle sagt (Mk 10,45): „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“

Urlaub heißt: in der Balance bleiben und sie gewährleisten. Oder sie wiedergewinnen, wenn sie angeschlagen ist: etwa durch intensive Arbeit in der Bereitschaft, ganz für andere da zu sein. Auch Jesus konnte sein Leben „als Lösegeld für viele“ nur in dem Maße hingeben, wie er sein Leben zugleich gepflegt und hat wachsen lassen. Deshalb lädt er die Apostel nun ein, gemeinsam mit ihm „ein wenig auszuruhen“.

Da ist es dann auch nicht tragisch, dass, wie Markus berichtet, man „sie abfahren sah und viele davon erfuhren; und diese zu Fuß aus allen Städten dorthin liefen und noch vor ihnen ankamen.

Zumindest auf der Überfahrt hat Jesus mit seinen Jüngern ein wenig ausruhen können. Dabei sind sie nicht um sich selber gekreist. Und sie haben auch nicht ganz alleine nur sich selber gesucht. Vielmehr haben sie die zwar kurze, aber gewiss abwechslungsreiche Überfahrt dankbar als Geschenk erlebt und angenommen, so dass sie ihre Bereitschaft zur Nachfolge Jesu erneuern und stärken konnten.

Wie selbstverständlich kann Markus dann auch vom krönenden Abschluss dieses Kurz-Urlaubs berichten: „Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.

Möge unser Urlaubsverhalten an diesem Ereignis, dem markinischen „Urlaubsevangelium“, gesunden und gedeihen. Dann wachsen auch wir in der rechten Mitte.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 27+28/21 (B)

Die Pfarrkirche St. Georg von Wasserburg am Bodensee

Nun hat für viele die Ferienzeit begonnen. Einige bleiben noch hier, vertreten die anderen, bis dann sie an der Reihe sind und von den Zurückgekehrten vertreten werden. Ähnlich ist es auch unter uns Priestern, die wir gewöhnlich von unserem Selbstverständnis her immer für Sie da sein wollen. Eine Auszeit tut eben auch dieser Grundhaltung gut und fördert sie.

Aus diesem Grund werden bis zum Ende der Sommerferien ab Sonntag, dem 11. Juli die Sonntags-Messen um 12:15 Uhr, und ab Montag, dem 12. Juli die 9:30 Uhr Werktags-Messen montags bis freitags entfallen.

Ansonsten wird in diesen Wochen bis zum Ende der Sommerferien weiterhin von Montag bis Freitag das reichhaltige Angebot von täglich zwei Beichtzeiten ab 11:00 bzw. ab 17:00 Uhr (inkl. der eucharistischen Anbetung) mit den darauffolgenden Hl. Messen um 12:00 bzw. um 18:30 Uhr aufrechterhalten.

Und am Wochenende (Samstag und Sonntag) bieten wir während der gesamten Ferienzeit ebenfalls ungekürzt die Beichtzeiten nachmittags ab 17:00 Uhr (inkl. der eucharistischen Anbetung) mit der darauffolgenden Samstag-Vorabendmesse bzw. der Sonntagabendmesse um 18:30 Uhr an. Am Sonntagvormittag können Sie dann „nur“ zwischen zwei Hl. Messen wählen: zwischen der um 10:00 bzw. der um 11:15 Uhr.

Von Herzen wünsche ich Ihnen eine gesegnete Ferienzeit!

Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 26/21 (B)

Die Tochter des Synagogenvorstehers Jaïrus

Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. ... Zum Dasein hat er alles geschaffen. ... Das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde; denn ... Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht.“ So hören wir an diesem Sonntag in der ersten Lesung aus dem „Buch der Weisheit“, Kapitel 1.

Hier wird uns der ursprüngliche Wille Gottes geoffenbart: Gott will das Leben; von ihrem Ursprung her ist die Schöpfung „sehr gut“ (vgl. Genesis 1,31). Der Tod, und alles was zerstört und nicht aufbaut widerspricht seinem Willen.

Diese ungemein positive Sicht der Wirklichkeit ist uns nicht immer gegönnt. Sie wird verdunkelt durch manch Böses und Zynisches. Es gibt Entzweiung bis hin zur Zerstörung. Und vor allem gibt es auf dieser unserer Erde den Tod.

Diese Übel, allen voran der Tod, sind nicht von Gott. Sie stehen im Widerspruch zu dem, was ER will. All diese Übel, so erklärt das Buch der Weisheit, kamen „durch den Neid des Teufels in die Welt.“ Diese Übel erfahren nach der ersten Sünde nun alle Menschen. Aber endgültig unterliegen diesen Übeln – und vor allem dem Tod – nur jene, die dem Teufel „angehören“. Diese werden dem Tod und allen anderen Übeln nicht entrinnen können.

Das Drama des Menschen begann mit dem Sündenfall. Er Mensch ließ sich verführen. Er entschied sich, gegen den Willen Gottes zu handeln. Und so ist jeder Mensch nun dem Tod verfallen. Wir alle erleben die Kräfte der Zerstörung und der Vergänglichkeit. Und wir sind ziemlich machtlos dagegen.

Aber Gott hat uns nicht aufgegeben. Er lässt uns nicht alleine. Von Jesus, dem Menschensohn, geht eine heilende und rettende Kraft aus. Im Evangelium dieses Sonntags (Mk 5, 21 ff) hören wir, wie Jesus eine Tote auferweckt: ein junges Mädchen; Tochter des Synagogenvorstehers Jaïrus.

Solche Wunder sind „Zeichen“. So werden sie in den Evangelien oft genannt. Sie erhellen das Leben wie ein Blitz die Nacht. Und sie lassen aufleuchten, dass die Macht, wie sie Jesus in diese Welt zurückgebracht hat, gewaltig ist. Die Wunder Gottes sind stärker als der Tod und die Sünde. Zugleich fordern sie heraus, Jesus ganz zu vertrauen.

Gottes Sohn auf Erden heilt Kranke. Er besiegt die Mächte der Finsternis und erweckt Tote zum Leben. Am Ende überwindet er den eigenen Tod. Die Auferstehung Jesu ist der endgültige Sieg: sowohl über den Tod wie auch über den, dessen Neid den Tod in die Welt gebracht hat.

Die größte Herausforderung an unser Vertrauen auf Jesus ist gewiss der eigene, ganz persönliche Tod. Alle menschlichen Möglichkeiten kommen dann an ihr Ende. Gegen jede Todesangst bis hin zum Fatalismus sagt Jesus, wie damals zum Synagogenvorsteher: „Sei ohne Furcht, glaube nur!

Wir sollten uns fragen: Kann ich mich mit meinem Tod, mit dem Sterben-Müssen versöhnen? Sehe ich meinen Tod aus der Perspektive Gottes und des Glaubens? Kann ich das Leben wieder hergeben in jene liebende Hand hinein, aus der ich es empfangen habe? Dann hat auch die „Liebe“ eine Chance, die „stark ist wie der Tod.“ (Hohelied 8,6)

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 25/21 (B)

Sturm auf dem Meer - Eugène Delacroix (+ 1863)

Der Heilige Markus berichtet im vierten Kapitel, Vers 35–41 folgendes: „(35) An jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. (36) Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; und andere Boote begleiteten ihn. (37) Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. (38) Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? (39) Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. (40) Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? (41) Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“

Von dreien, die dies Jahrhunderte später hörten und ganz spontan darauf reagieren, sagte der Erste: „An diese Wundergeschichten glaube ich nicht. Das ist alles nur bildhaft zu verstehen!“ Ein Zweiter sagte: „Jeus ist wirklich Gottes Sohn. Sonst hätte er nicht so viel Macht über die Natur!“ Und ein Dritter sagte: „Wäre unser Glauben doch viel größer! Herr Jesus, stärke meinen kleinen Glauben!“ – Wer von den dreien hatte Recht; oder zumindest das Evangelium am besten verstanden?

Der Erste deutete die Erzählung allein im übertragenen Sinn: Jesus rettet aus den „Stürmen des Lebens“, aus Not und Gefahr. – Zweifellos gehört das zur Botschaft dieser Erzählung; und überhaupt des Evangeliums. Überzeugend ist das aber nur, wenn die Geschichte sich auch so ereignet hat! Nur dann kann man im „Sturm der Zeit“ wirklich auf Jesus hoffen. Immerhin berichten von den vier Evangelien drei über den Sturm auf dem See, und wie Jesus ihn zum Schweigen brachte. Als Wunder Jesu gehört es zu den am besten bezeugten, die in den Evangelien überliefert sind.

Für den Zweiten schien der Glaube an den menschgewordenen Gott im Mittelpunkt zu stehen. – Ohne Zweifel gehört diese zentrale Wahrheit christlichen Glaubens in die Mitte, und mit zu dem Wichtigsten, was Christen weltweit glauben. Doch ein ausschließlich theologischer Glaube, und nur ein Staunen über das Große und Wunderbare, was Gott wirken kann, genügen ebenso wenig, wie das Für-Wahr- und Fest-Halten an der Geschichtlichkeit von Gottes Wirken zu unserem Heil in der Welt!

Bezeichnenderweise hat Jesus wiederholt verboten, dass seine Wunder als Sensation verbreitetet werden (vgl. Mk 1,44; 7,36; usw.). Er wollte mit seinen Wundern nicht Aufsehen erregen. Vielmehr wollte er seinen Jüngern und allen anderen richtungsweisende Fragen stellen. – Nachdem er den Sturm zum Schweigen gebracht hatte, lautete seine Frage: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?

Dass Leute staunen, interessiert Jesus nur bedingt. Auch wirkt er Wunder nicht allein, um seine besondere Sendung oder Göttlichkeit zu offenbaren. All das gehört dazu. Aber all das steht am Anfang. Ziel und Sinn der Wunder Jesu ist ein Glaube, der das Leben des Menschen so mit Gott verbindet, dass der Mensch sich spürbar verändert und wirklich verwandelt wird. „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ So erklärt es der Heilige Paulus den Korinthern in seinem zweiten Brief an sie (5,17). Und so hören wir es an diesem Sonntag im Gottesdienst, um das Sturm-Wunder zu reflektieren, und dann für uns selber erschließen.

So kommt der Dritte mit seiner spontanen Äußerung dem tieferen Sinn dieser Wunder-Erzählung noch am nächsten. Was von der spontanen Äußerung des Ersten und des Zweiten zutreffend ist, bleibt bestehen und ist ebenfalls von Bedeutung.

Als der Evangelist Markus diese Wunder-Erzählung in sein Evangelium aufnahm, schlingerte das „Schifflein der Kirche“ bedrohlich im „Sturm der Zeit“. Die Christen jener Zeit – wahrscheinlich erst 40 Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung – hatten bereits einige Verfolgungen erlebt, und neue drohten. Zweifel verschiedenster Art und die ersten Irrlehren brachen auf.

Da ruft der Evangelist ihnen zu: Lebt so, wie Jesus es uns aufgetragen hat. Dann ist er in unserer Mitte. Er, der den Sturm gestillt hat, wird auch uns weiterhelfen. Er wird uns retten, wenn wir nur auf ihn vertrauen. Glaubt, dass er uns verwandelt und neu macht. So werden wir bestehen.

Wenn alles, was Dich bisher getragen hat, scheinbar ins Wanken gerät: Erwarte gerade dann Glück und Heil allein vom Herrn, und von nichts und niemand anderem.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 24/21 (B)

Vincent van Gogh, Der Sämann (Arles 1888)

Das Sonntagsevangelium vom 11. Sonntag im Jahreskreis legt uns zwei aufschlussreiche Gleichnisse vom Himmelreich vor (Mk 4,26ff): „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. …Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.“

Das erste Gleichnis verbreitet Zuversicht. In ähnlicher Weise macht auch das zweite Gleichnis Mut. Beide Gleichnisse veranschaulichen, dass das Reiches Gottes, von dem Jesus so oft spricht, klein beginnt und dann wie von selber zu etwas Großem wird.

Am Anfang steht der göttliche Sämann! Er allein wirft den Samen und bereitet das Feld. Alles, was aus dem Feld wächst, geht auf Seine Aussaat zurück! Der Ursprung aus göttlicher Kraft steht also fest. Dazu gehört aber auch die Erde, ganz konkret auch der „Erdgeruch“ Palästina! Das Reich Gottes geht also eindeutig auf den menschgewordenen Sohn Gottes zurück, der in Palästina sein Leben begann und beschloss.

Die Rede vom Schlafen und Aufstehen, und dass „der Mann nicht weiß, wie“ alles wächst, konkretisieren die allgemeine Zuversicht als Grundton des Gleichnisses in eine schon unfassbare Sorglosigkeit. Ein Ungläubiger wird nie verstehen, wie das Reich Gottes bei dieser Unbekümmertheit Bestand hat und sogar über die Maße wächst und Frucht bringt.

Eben das scheint das Gleichnis besonders unterstreichen zu wollen. „Die Erde bringt von selbst ihre Frucht.“ Groß und wichtig steht dieses „automatæ (αυτοματη)“ – (ganz) „von selbst“ in der Mitte des Satzes. Ohne auf ein zusätzliches Engagement des Landmannes angewiesen zu sein, bringt die Erde nun „von selbst“ das Wachstum und schließlich als Frucht das Korn hervor!

Ein Ungläubiger, ja vielleicht sogar manch einer in der Kirche „Engagierte“ oder verbandlich organisierter Katholik, wird womöglich nie begreifen, wie das Reich Gottes, die Kirche eingeschlossen, bei dieser sorglosen Unbekümmertheit bestehen bleibt. Notwendig für den Bestand sind allein „ein Mann (der) Samen auf seinen Acker sät“ und die Erde, die „von selbst ihre Frucht bringt“.

Damit sind wir bei der geistlichen Dimension der Gleichnisse vom Reich Gottes. Der Wechsel von der Nacht zum Tag, vom Schlaf zum Aufstehen steht in tiefer Verbindung mit dem Tod und der Auferstehung Jesu. Hier kommen wir zur sakramentalen Wirklichkeit, in der das Reich Gottes in seiner Kirche konkret wird. In ihr wird Sonntag für Sonntag das auf den Punkt gebrachte und liturgisch verdichtete „Geheimnis des Glaubens“ begangen. Die Liturgie verbindet dieses „Geheimnis des Glaubens“ mit dem Bekenntnis: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

Für das Reich Gottes und seinen Bestand sind nicht Strukturreformen oder Umverteilungen von Kompetenzen entscheidend. Etwas Anderes ist viel wichtiger. Eine große und zugleich bescheiden Heilige bringt uns auf die Spur. … „Was muss sich an der Kirche ändern?“ fragte ein Journalist Mutter Teresa: „Sie und ich“ – die klare Antwort.

Es sind der Glaube an die wirklich Gegenwart Gottes, insbesondere in der Eucharistie, und die sonntägliche Feier dieser Gegenwart, die sich dann „wie von selbst“ fortsetzen. Dann wird „die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“ – wie der Priester im eucharistischen Gabengebet spricht – auch im Alltag vergöttlicht und heilig, und zum „Reich Gottes mitten unter uns“.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 22+23/21 (B)

Zum Dreifaltigkeissonntag

Urlaubsbedingt erscheint der Pfarrbrief als Doppelausgabe. Eine gute Gelegenheit, um kurz über verschiedene Themen und Anliegen zu berichten.

Zum einen freut es mich sehr, dass Papst Franziskus über die Bischofskongregation in Rom unserem Erzbischof in einer „komplexen pastoralen Situationpersönlich“ und der ihm „anvertrauten Kirche in einer Zeit großer Bedrängnis und Prüfung beistehen“ möchte. So greife ich gerne die Bitte unseres Erzbischofs auf, und gebe sie hiermit ausdrücklich an Sie weiter, die anstehende Apostolische Visitation „im Gebet zu begleiten“ (vgl. Aushang: „Proklamandum“).

Da coronabedingt in diesem Jahr die zentrale Fronleichnams-Prozession um den Dom nicht stattfinden wird, haben auch wir unseren Gottesdienstplan an Fronleichnam leicht geändert: Im Anschluss an die 10:30 Uhr Familienmesse wird das Allerheiligste einmal um die Kirche getragen. Darauf folgt um 12:15 Uhr eine zweite heilige Messe. Am Nachmittag wie auch sonst um 17:00 Uhr Aussetzung des Allerheiligsten und um 18:30 Uhr die Abendmesse.

Ende September, am Dienstag, dem 28.9.2021, findet in St. Pantaleon in der 18:30 Uhr Abendmesse die nächste Firmung durch Weihbischof Steinhäuser statt. Jugendliche, die noch nicht gefirmt sind und gerne dabei sein möchten, melden sich bitte im Pfarrbüro. Wir werden uns in mehreren Gruppen auf diesen schönen und für das christliche Leben wichtigen Augenblick gut und intensiv vorbereiten.

Ungeachtet manch widriger Umstände geht die Sanierung der Kirche zügig voran. Ende des Jahres wird das Westwerk durchsaniert und fertig sein. Zwischen den Jahren oder kurz danach wird dann Vieles umgeräumt. Von da an werden für die kommenden 2 Jahre alle Gottesdienste nur noch im erweiterten Westwerk stattfinden. Das Hauptschiff, die beiden Seitenschiffe wie auch der vollständige Ostchor werden dann Baustelle sein. Wenn alles nach Plan läuft, wird die Sanierung Ende 2023 / Anfang 2024 abgeschlossen sein.

Es liegt also noch eine lange Zeit von 2 ½ Jahren spürbarer Einschränkungen vor uns. Aber wir werden auch durch diese Zeit gut hindurchkommen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 21/21 (B)

Der Geist der Wahrheit wird … euch in der ganzen Wahrheit leiten.“ Es sind Worte Jesu, wie sie überarbeitet in der neuern Einheitsübersetzung von Johannes überliefert werden. Im Pfingstfestgottesdienst werden sie uns vorgetragen (Joh 15,26-27; 16,12-15). Was ist das für ein „Geist“, der nicht nur leitet, sondern zudem „in der ganzen Wahrheit“?

An gleicher Stelle nenn Jesus diesen Geist auch „Beistand“. Und Jesus erklärt zudem, dass dieser „Geist der Wahrheit … nicht aus sich selbst heraus reden wird.“ Er wird vielmehr das sagen bzw. davon „reden, was er hört.“ Und er wird darüber hinaus „verkünden, was kommen wird.

Auch wird dieser Geist Jesus „verherrlichen“. Denn dieser Geist, so sagt Jesus, „wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.“ Zugleich ist das, was der Heilige Geist von Jesus nimmt, vom Vater. Jesus erklärt das abschließend so (Joh 20,15): „Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.

Hier ist ohne Zweifel vom „Heiligen Geist“ die Rede, wie ihn Jesus fünf Kapitel weiter im Johannesevangelium dann auch so nennen wird. Dort lesen wir (Joh 20, 22f): „Er hauchte die Jünger an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“

Der Heilige Josefmaria Escrivá sprach wiederholt vom Heiligen Geist als dem „großen Unbekannten“. In der Tat: Von Gott Vater als Schöpfer und Bewahrer alles Geschaffenen haben wir irgendwie eine konkrete Vorstellung. Seine Werke sind für uns sichtbar. Von ihnen aus können wir manches von ihrem Urheber erschließen.

Weitaus detaillierter ist all das, was wir vom Sohn Gottes wissen, der in Jesus Christus Mensch wurde, „in allem uns gleich, bis auf die Sünde“. Die historischen Quellen überliefern facettenreich eine einzigartige Gestalt, die in der Geschichte unverändert nachwirkt wie keine andere vor und nach ihm.

Aber von Gott, der Pfingsten als „Heiliger Geist“ zuerst die Apostel und dann viele andere erfüllte, fehlt uns eine konkretere Vorstellung. Das wird schon zu Lebzeiten Jesu deutlich, als er dem Ratsherr Nikodemus in der Dunkelheit der Nacht erklärt, dass der Eintritt in das Reich Gottes eine geistige Wiedergeburt voraussetze. Nikodemus versteht diese Geburt anfangs als eine leibliche Wiedergeburt. Daraufhin bedient Jesus sich eines Vergleichs: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3,8).

Damit betont Jesus nach dem Zeugnis des Evangelisten Johannes, dass die Beziehung zu Gott vor allem geistig-spiritueller Art ist. Und eben dies ist jedem bekannt, der sich von Gott ergreifen lässt und darauf im Glauben antwortend und sich in der Folge Gott zuwendet. Von daher kennt der Gläubige den Heiligen Geist in seiner unverwechselbaren, einzigartig machtvollen Wirksamkeit.

Es ist aber nicht so einfach, den Geist Gottes wirken zu lassen. Meist behindern wir Gott weitaus mehr und stellen ihm größere Hindernisse in den Weg, als wir bemerken oder wahrhaben wollen Man muss Gottes Geist bewusst in das eigene Leben hineinlassen. Dazu muss man sich ihm überlassen; ihm und seinem Wirken gegenüber gewissermaßen einen Blankoscheck ausstellen: „Tu mit mir, was du willst!“ Das ernsthaft zu sagen, sich selber Gott auszuliefern und uneingeschränkt anzuvertrauen, fällt meist sehr schwer.

Es ist auch mit Ängsten verbunden: Was wird Gott dann mit mir machen? Welche Folgen hat es? Welche Belastungen oder Herausforderungen kommen dann auf mich zu? Das hält viele davon ab, Gott diesen „Blankoscheck“ auszustellen.

Doch man kann sich Schritt für Schritt herantasten. Stück für Stück etwas von sich weggegeben – eigene Pläne, eigene Ideen, den eigenen Willen, seinen Stolz, aber auch seine Ängste. Aber auch dann gibt es immer noch manches, was noch nicht ganz Gott gehört. Mit dieser Arbeit wird man bis an sein Lebensende nicht fertig!

Zugleich erfährt man dabei, dass Gott das Herz und das Innere verändert. Irgendwann stellt man fest: Bestimmte Dinge oder Situationen machen einem keine Angst mehr. Man wird innerlich ruhiger und gelassener; man hat mehr Geduld. Man urteilt nicht mehr so schnell. Man ist anderen nicht mehr so schnell böse. Ich kann sich leichter auf Menschen einlassen, ihre Nöte an sich heranlassen – und anderes mehr. Man erlebt dies als Geschenk.

Die spanischen Mystikerin Francisca Javiera del Valle, am 03.12.1856 in äußerst bescheidenen Verhältnissen geboren und bis zu ihrem Tod am 29.I.1930 als Näherin und Gärtnerin tätig, vergleicht in ihrem einzigartigen „Dezenarium zum Heiligen Geist“ das geistvolle Wirken Gottes im Inneren des Gläubigen mit einer Schule.

Sie schreibt (ibid., vierter Tag): „Obwohl die Schule im Innersten der Seele errichtet wird, kann sie keiner besuchen, wenn ihn der Lehrer nicht einführt, denn auch wenn er eintreten möchte, weiß er nicht wie und kann es nicht. Das Einzige, was man tun kann, ist, bei sich selbst zu bleiben, nicht hinauszulaufen, sondern sich an die Türe zu stellen und aus ganzem Herzen über seinen Fehler zu weinen und selbstlos zu klagen. Denn die Selbstlosigkeit ist gleichsam der Prüfstein für diese Schule, denn alles, was dort gelehrt wird, muss selbstlos geübt werden, sonst haben unsere Werke kein Verdienst bei unserem Lehrer.

Am Anfang sagt er nichts, er nimmt die Dinge hin und ist nicht streng. Weil er so liebevoll ist, hat er großes Mitleid, denn er sieht, dass wir unwissend sind, und nie verlangt oder fordert er etwas, das wir nicht können. Seine Unterrichtsweise ist ein helles und schönes Licht, das er unserem Verstand einsenkt. Wenn die Seele sehr bemüht ist, die Wahrheit, die er lehrt, in die Tat umzusetzen, dann empfängt der Wille zusammen mit dem erwähnten Licht gleichsam einen Pfeilschuss, und die Seele fühlt sich dabei ganz entzündet in Liebe zu ihrem Gott und Herrn, und sie weiß sehr gut, wenn sie das empfängt, dass es nicht erworben ist, sondern geschenkt. Niemand sagt ihr das, aber sie versteht es gut und weiß, dass es so ist.“

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 20/21 (B)

Himmelfahrt - Detail eines Gemäldes von Hans Süß von Kulmbach (16. Jh.)

Vor der Liturgiereform Ende der 60er Jahren wurde die Osterkerze am Fest Christi Himmelfahrt nach dem Evangelium ausgelöscht. Es war ein starkes Zeichen. Das für den Auferstandenen brennende Licht hat seine Aufgabe erfüllt. Der Herr in seiner verklärten menschlichen Gestalt weilt nicht mehr unter uns. Er ist zurückgekehrt und weilt nun beim Vater in der Ewigkeit, von wo er erst am Ende der Welt, am Tag des Jüngsten Gerichts, in seiner Herrlichkeit wiederkommen wird.

Seit der Liturgiereform brennt nun die Osterkerze bis zum Pfingstfest. Und vom Pfingstfest an immer auch dann, wenn es besonders feierlich und glaubensintensiv zugeht: Etwa bei einer Taufe.

Beide Traditionen akzentuieren unterschiedlich, was wir glauben: dass der Auferstandene von uns gegangen und doch zugleich bei uns geblieben ist.

Er ist gegangen, damit der Heilige Geist kommen kann (vgl. Joh 16,7). Und er ist gegangen, damit wir nun eigenständig aus dem leben, was er uns hinterlassen hat (u.a. Joh 15,10).

Jesu hat uns dafür ein Testament verfasst. Einen Auszug davon liest die Kirche ihren Gläubigen am siebten Sonntag in der Osterzeit vor (Joh 17,6 ff). In diesem Testament hat Jesus sein irdisches Leben zusammenfassend ins Gebet gebracht.

Wir wollen uns hier auf drei seiner Abschiedsworte beschränken: (1)Vater, ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast.“ (2)Heilige sie in der Wahrheit“. (3)Ich bitte dich, dass sie meine Freude in Fülle in sich haben.“

Das erste Abschiedswort (1) ist zudem mit einer Bitte verbunden (Joh 17,11): „Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.“

Unabhängig von den vielen Namen Gottes in der Bibel gilt ganz allgemein: Wenn wir den Namen von jemanden nennen, weiß er sich angesprochen. So entsteht Beziehung.

Jesus hat uns den Namen Gottes durch sein Leben kundgetan. Im Antlitz Jesu erkennen wir den uns zugewandten dreifaltigen Gott. In Jesu Wort und Tat erkennen wir das lebensspendende Wort, das Gott an uns richtet und das ewige Heil, an dem Gott uns gesunden lässt. Ähnlich wie Jesus als Menschensohn in engster Beziehung zum himmlischen Vater gelebt hat, so ist es nun auch uns möglich.

In Jesus sehen wir, wie und wer Gott ist. Wie Jesus als Mensch mit dem ihm inwendig verbundenen Gott unmittelbar und direkt verkehrte, so können nun auch wir mit Gott in uns Umgang haben: direkt und unmittelbar, oder vermittelt durch Jesus Christus, seine Mutter Maria oder andere Heilige.

Das erster Abschiedswort Jesu bestärkt, Gott im Blick zu haben und in Beziehung mit ihm zu leben. Jesus hinterlässt uns hier testamentarisch die Kunst des Betens, dass wir sie pflegen und kultivieren.

Zu (2): Interessant ist auch das zweite Abschiedswort: „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.“

Das Wort „heiligen“ ist der alttestamentlichen Kultsprache entnommen. Es meint: fähig werden für den Kult, für den persönlichen Umgang mit Gott.

Dazu gehörten im Alten Bund Bäder und Waschungen. Die sind auch heute notwendig. Sammelt sich nicht mancher Schmutz in jedem von uns? Schmutz, der uns voneinander und von Gott trennt? Zurzeit befolgen wir strikt die Covid–Regel. Aber wie ist es um unsere seelische Hygiene und die Hygiene des Herzens bestellt?

Gott hilf, die rechte Hygiene des Herzens zu finden, und so in der Wahrheit zu baden. Die Wahrheit macht von innen her gut. Dann leuchtet Gottes Schöpfungsidee auch von innen her; und Gottes Wärme und Güte sind dann in uns.

Einer der vielen Namen Gottes ist Versöhnung und Barmherzigkeit. Gott heiligt im Bad der Wahrheit und der Liebe. Das macht rein und gottfähig.

Zu (3): Und schließlich das dritte Abschiedswort: „Ich bitte dich“, sagt Jesus zum Vater, „dass sie meine Freude in Fülle in sich haben“. Jahre später schreibt der Apostel Paulus an die Philipper ganz ähnlich: „Freut euch … noch einmal sage ich freut euch.

Freude kommt auf, wenn man etwas erkennt; insbesondere die Wahrheit. Vor allem die Wahrheit, von wo wir kommen und wo es mit uns hingeht.

Freude kommt auch auf, wenn man geliebt wird oder selber liebt. Deswegen sagt Johannes in seinem ersten Brief: „Wir haben die Liebe erkannt und wir glauben der Liebe.

Wer christlich lebt, erfährt und begreift, dass am Ende nicht Gewalt, Lüge, Hass oder das „Ellenbogenprinzip“ siegen, sondern dass die Liebe größer und mächtiger ist, dass sie uns froh macht und mit Freude erfüllt.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 19/21 (B)

Am Fest Christi Himmelfahrt feiert eine Gruppe unserer Kinder ihre Erstkommunion

In den sozialen Medien rühmen sich viele, in kürzester Zeit zahlreiche neue „Follower“ – sogenannte Freunde – gewonnen zu haben. Auf einer Webseite – „Wie bekomme ich mehr Traffic auf meine Seite“ – findet sich etwa der Werbespruch: „Wie Du 300 echte und gezielte Instagram-Follower pro Tag gewinnen kannst.

„Follower“ sind aber nicht Freunde im eigentliche Sin des Wortes. Facebook-Freunde halten zwar oft den Daumen nach oben. Aber wenn man etwa krank und alleine im Krankenhaus ist, oder Hilfe für einen Umzug braucht, dann haben die meisten davon garantiert etwas ganz anders vor und keine Zeit, einem beizustehen oder zu helfen.

Im Evangelium vom sechsten Sonntag in der Osterzeit ist auch von Freunden die Rede. Aber hier ist mit Freunden und Freundschaft etwas ganz Anderes gemeint. Jesus sagt zu den Seinen: „Ich habe euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ Und Jesus sagt dann sogar: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“

Das überrascht aber auch. Denn es hat den Anstrich von Einseitigkeit: „Nicht ihr, sondern ich erwähle“; und: „Weil ich euch alles mitteile“. Gehören zu einer richtigen Freundschaft nicht zwei, die übereinstimmend und auf Gegenseitigkeit beruhend erleben, dass sie einander zugetan sind?

Idem velle, idem nolle: So haben die Römer das Wesen von Freundschaft definiert. Idem velle, idem nolle: Das Gleiche wollen und das Gleiche nicht wollen. Freundschaft bedeutet kurz, prägnant und praktisch: Willensgemeinschaft, Übereinstimmung in dem, was man im Tiefsten möchte.

Demgegenüber sagt Jesus aber: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“ (Joh 15, 14). Damit führt er die auffällige Einseitigkeit fort und betont sie. Zugleich sagt er aber auch, dass „es keine größere Liebe gibt, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“

Was ist das für eine Liebe und was ist das für eine Freundschaft, die der Gottessohn meint und in die er uns offenbar hineinholen möchte, weit über das hinaus, was uns zwischenmenschlich als Freundschaft und Liebe möglich ist? Denn der Herr sagt: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe“.

Nach einer ersten Annäherung an das, was Freundschaft ist, müssen wir unsere zum tieferen Verständnis unsere Aufmerksamkeit auch auf Gott richten.

Gott ist Macht“ kann man bei George Orwell in dem Roman „1984“ lesen. Diese kurze Definition steht symbolisch für eine Welt voller Unterdrückung und Menschenverachtung. Andere scheinen zu meinen: „Gott ist Gesetz“: Zur Zeit Jesu einige Pharisäer; und heute fundamentalistische Muslimen oder Christen. Sie stellen die Beachtung der Gebote in die Mitte der Religion und machen aus dem Glauben an Gott eine Gesetzes-Religion. Andere sagen: „Gott ist Geheimnis“, und heben damit auf das Mystische in jeder Religion ab.

Im erste Johannesbrief (1,7) lesen wir hingegen: „Gott ist Liebe.“

Liebe ist in der Tat sehr anspruchsvoll! Schlager besingen die Liebe eher oberflächlich als Gefühl oder Leidenschaft. Und für andere legitimiert Zuneigung, die sie Liebe nennen, jede Art von Beziehung.

Der 1. Johannesbrief verweist hingegen auf Gott, der ganz Liebe ist. Diese göttliche Liebe tut den ersten Schritt. Sie bringt Liebe dorthin, wo noch keine Liebe ist. Uns gegenüber ist Gottes Liebe nicht eine Reaktion auf das, was an uns Liebenswerte ist. Wohl ist es bei uns meist so. Wir reagieren auf das, was uns liebenswert erscheint: Charme, ein freundliches Wesen, eine reife, liebevolle Persönlichkeit. Da antworten dann auch wir mit Liebe.

Gottes Liebe hingegen ist von alldem nicht abhängig. Gott liebt uns, vor aller Leistung und trotz aller Schuld. Er liebt uns nicht, weil wir es wert wären, sondern weil er Liebe ist. Und wir sind beschenkt, längst bevor wir irgendetwas tun. Somit ist Gottes Liebe schöpferisch.

Durch Gottes Liebe werden wir fähig, in ähnlicher Weise einander zu lieben – und dabei ebenso schöpferisch zu sein wie Gott. Aus der Kraft seiner Liebe vermögen dann auch wir, als Erste zu lieben und Liebe dorthin bringen, wo noch keine ist. Hier eröffnet sich die Dynamik eines neuen Lebens! Der Kreis schließt sich.

Freundschaft mit dem Menschensohn heißt also, zunehmend so zu wollen, wie der himmlische Vater will. Sein und unser Willen werden zu einem. Unser Wille, gerecht und glücklich zu werden und zu lieben, wird möglich, weil Gott genau dies für uns am Herzen liegt.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 18/21 (B)

Heiliger Josef mit Jesus und Maria - Wallfahrtsort Torreciudad, Nordspanien

Papst Franziskus hat anlässlich des 150. Jahrestages der Erhebung des heiligen Josef zum Schutzpatron der ganzen Kirche am 8. Dezember letzten Jahres ein Apostolisches Schreiben an alle Gläubigen gerichtet. Es trägt den Titel: „Patris Corde“.

Die dort enthaltenen Meditationen des Papstes zu seinem männlichen Lieblingsheiligen greifen die Botschaft der wenigen in den Evangelien überlieferten Verse über Josef auf, um wie seine Vorgänger die zentrale Rolle des Ziehvaters Jesu in der Heilsgeschichte zu unterstreichen. Der selige Pius IX. erklärte Josef vor 150 Jahren zum „Patron der katholischen Kirche", der ehrwürdige Pius XII. stellte ihn als „Patron der Arbeiter" vor und der heilige Johannes Paul II. als „Wächter des Erlösers".

Mit diesem Schreiben hat Papst Franziskus zugleich ein “Jahr des heiligen Josefs“ ausgerufen. Dieses besondere Jahr dauert noch bis zum 8. Dezember 2021. Hintergrund des Schreibens ist auch die Covid-19 Pandemie: Diese habe verdeutlicht, welche Bedeutung gewöhnliche Menschen haben – all jene, die sich jenseits des Rampenlichts tagtäglich in Geduld üben und Hoffnung verleihen, indem sie Mitverantwortung säen. Genau so, wie der heilige Josef, „dieser unauffällige Mann, dieser Mensch der täglichen, diskreten und verborgenen Gegenwart“, so Franziskus.

Zum Fest des „Hl. Josef der Arbeiter“ am 1. Mai geben wir folgend im Wortlaut das sechste Kapitel aus „Patris Cordewieder. Es trägt die Überschrift: „Vater und Arbeiter“.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

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Aus dem Apostolisches Schreiben Patris Corde“ vom Papst Franziskus, 6.: Vater und Arbeiter

Ein Aspekt, der den heiligen Josef auszeichnet und der seit der Zeit der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum von Leo XIII. hervorgehoben wurde, ist sein Bezug zur Arbeit. Der heilige Josef war ein Zimmermann, der ehrlich arbeitete, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern. Von ihm lernte Jesus, welch ein Wert, welch eine Würde und welch eine Freude es bedeutet, das Brot zu essen, das die Frucht eigener Arbeit ist.

In dieser unserer Zeit, in der die Arbeit wieder zu einem dringenden sozialen Thema geworden zu sein scheint und die Arbeitslosigkeit manchmal drastische Ausmaße annimmt –  auch in Ländern, in denen seit Jahrzehnten ein gewisser Wohlstand herrscht –, ist es notwendig, die Bedeutung einer Arbeit, die Würde verleiht, wieder ganz neu verstehen zu lernen.  Unser Heiliger ist dafür Vorbild und Schutzpatron.

Die Arbeit wird zur Teilnahme am Erlösungswerk selbst, sie wird zu einer Gelegenheit, das Kommen des Reiches Gottes zu beschleunigen, die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten weiterzuentwickeln und sie in den Dienst der Gesellschaft und der Gemeinschaft zu stellen; die Arbeit wird nicht nur zu einer Gelegenheit der eigenen Verwirklichung, sondern vor allem auch für den ursprünglichen Kern der Gesellschaft, die Familie. Eine von Arbeitslosigkeit betroffene Familie ist Schwierigkeiten, Spannungen, Brüchen, ja der verzweifelten und weiter in die Verzweiflung führenden Versuchung der Auflösung stärker ausgesetzt. Wie können wir über die Menschenwürde sprechen, ohne uns dafür einzusetzen, dass alle und jeder Einzelne eine Chance auf einen würdigen Lebensunterhalt haben?

Der Mensch, der arbeitet, egal welcher Aufgabe er nachgeht, arbeitet mit Gott selbst zusammen und wird ein wenig zu einem Schöpfer der Welt, die uns umgibt. Die Krise unserer Zeit, die eine wirtschaftliche, soziale, kulturelle und geistliche Krise ist, mag allen ein Aufruf sein, den Wert, die Bedeutung und die Notwendigkeit der Arbeit wieder neu zu entdecken, um eine neue „Normalität“ zu begründen, in der niemand ausgeschlossen ist. Die Arbeit des heiligen Josef erinnert uns daran, dass der menschgewordene Gott selbst die Arbeit nicht verschmähte. Die Arbeitslosigkeit, von der viele Brüder und Schwestern betroffen sind und die in jüngster Zeit aufgrund der Covid 19-Pandemie zugenommen hat, muss zum Anlass werden, unsere Prioritäten zu überprüfen.

Bitten wir den heiligen Josef, den Arbeiter, dass wir einmal verbindlich sagen können: Kein junger Mensch, keine Person, keine Familie ohne Arbeit!

 

Pfarrnachrichten 17/21 (B)

Der gute Hirte, Rom, Calixtus-Katakomben, Mittelmedaillon des Deckenfreskos, frühchristlich, Anfang 3. Jahrhundert, Durchmesser 71 cm

Eine der ältesten Christusdarstellungen – Anfang des dritten Jahrhunderts – findet sich in der Callixtus-Katakombe in Rom. Christus wird hier mit einem Lamm auf den Schultern als guter Hirt dargestellt.

Auch die heidnische Antike kannte das Bild vom Hirten. So wurde etwa Hermes, der Götterbote, mit einem Schaf auf den Schultern dargestellt. Hermes aber bringt das Schaf zur Schlachtung als Opfer für Zeus. Christus hingegen opfert sich selbst als der gute Hirt für die Seinen. Der Unterschied ist gewaltig. Auf den antiken Römer muss dieser auffällige Unterschied einen großen Eindruck gemacht haben.

In der Liturgie der vierten Osterwoche hören wir den Herrn zu uns sprechen: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, lässt die Schafe im Stich und flieht; und der Wolf reißt sie und zerstreut sie. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.“ (Joh 10,11-15)

Man muss das Bild richtig verstehen. Wohl löst der erste Blick auf eine Herde mit seinem Hirten eine gefühlt romantische Idylle aus. Der zweite, genauere Blick ernüchtert. Das Leben an der frischen Luft umgeben von Schafen ist einigermaßen hart. Gut bezahlt wird das auch nicht. Und regelmäßig wird den Schafen ihre Wolle geschoren bis sie irgendwann im Schlachthof enden.

Schafzucht ist eben auch Geschäft. Interessiert sich der Hirt am Ende nicht weitaus mehr für die Wolle, die Milch und das Fleisch als für die Schafe selber?

Jesu Rede vom „guten Hirten“ zeichnet demgegenüber geradezu ein Gegenbild. Man muss genau lesen und hinhören (s.o.). Von der ersten Idylle, die das Bild vom Hirt und seinen Schafen auslöst, schreitet man über die Ernüchterung der „geschäftlichen“ Beziehung von Hirt und Schaf in einem dritten Schritt zur Botschaft Jesu: Ihm liegt an den Schafen. Ihnen alleine gilt seien Aufmerksamkeit. Für sie gibt er sein Leben. Er bedient sich ihrer nicht, sondern tritt bis zum Äußersten für sie ein.

Jesus nennt dann auch den Grund dafür, warum er als Hirt sich seinen Schafen gegenüber so anders verhält: „Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne.“ Hier kommen wir zur Kernbotschaft von diesem „Gegenbild“: durch ihn und seine Beziehung zum Vater kann auch unser Leben einzigartig gelingen.

Der Vater kennt ihn und er kennt den Vater. Hier geht es um eine Beziehung, die sich widerspiegelt in dem uns bekannten wechselseitigen Verhältnis von Vater und Sohn, von Mutter und Tochter, vom Kind zu seinen Eltern. Im vertrauten Verhältnis zu ihnen wächst der junge Mensch in einem gesunden Verhältnis zu sich selber.

Vom Grundsätzlichen her ist das beim „Menschensohn“ nicht anders. Bei ihm allerdings in vollendeter Weise, weil Gott sein Vater ist. Deshalb hat er „Macht, sein Leben hinzugeben“, und zugleich „Macht, es wieder zu nehmen“ (Joh 10,18). Somit sieht Jesus dann auch uns von Gott her. Er kennt unsere bedingte und oft begrenzte Lebensfreude wie auch unsere Not und unser Elend. Er ist vertraut mit unserer Geselligkeit wie auch mit unserer Einsamkeit.

Wenn er den Menschen anredet, dann als den, der er wirklich ist. Zugleich drängt er sich nicht auf. Man muss schon wollen, es zumindest zulassen, dass er einen anspricht. Dann erlebt man, was er gesagt hat: „Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ Man erfährt, wie innig das Verhältnis von Gott und Mensch sein kann. Und man realisiert, dass Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis Hand in Hand gehen.

Der heilige Augustinus hat diese Erfahrung in einem Gebet in vier Worten auf den Punkt gebracht: „noverim me, noverim te“. Etwas frei ließe sich das so übersetzen: „Ich möchte mich erkennen, indem ich Dich erkenne.“ So wie der junge Mensch im vertrauten Verhältnis zu seinen Eltern in einem gesunden Verhältnis zu sich selber heranwächst, so ähnlich wächst jeder Mensch – jeden Alters und jeder Lebenslage – im vertrauten Verhältnis zum „gute Hirten“ in einem gesunden Verhältnis zu sich selber.

Das geschieht vorzüglich im Gebet; im vertrauten Zwiegespräch mit dem „guten Hirten“, das sich wie ein heilsamer Strom einen Weg zur Seele bahnt. Für Ihre Zeit der Stille lege ich Ihnen deshalb zum Schluss exemplarisch noch folgende Fragen nahe: „Wie bist Du, Christus? Wie stehst Du zu mir und zu jedem von uns? Wie stehe ich und wie stehen wir vor und zu Dir?

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 14-15/21 (B)

Resurrexit Dominus vere alleluia!

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Der Herr ist wahrhaft auferstanden, Halleluja.“ Weltweit rufen Christen sich diese Worte am Osterfest gegenseitig zu. Es ist die frohe und zuversichtliche Vergewisserung, dass wir nicht an einen Gott der Toten, sondern der Lebenden (vgl. Lk 20,38) glauben.

Nach einer Zwangspause im letzten Jahr haben wir dieses Jahr die Osternacht voll Freude und Dankbarkeit gefeiert! Die über ein Jahr lang erprobten Maßnahmen, um dies trotz Corona gegenüber unserem Nächsten und uns selber gegenüber verantworten zu können, haben sich vielfach, nun auch bis in die Osternacht bewährt.

Darüber hinaus wurde eine Erwachsene aus unserer unmittelbaren Nachbarschaft in der Osternacht getauft und gefirmt. Und sie hat das erste Mal die heilige Kommunion empfangen. Als talentierte Schauspielerin ist sie nicht ganz unbekannt. Dessen ungeachtet hat sie Jahre lang „undercover“ und immer von einem anderen, eher verborgenen Winkel aus an dem ein oder anderen Gottesdienst teilgenommen. Vor allem aber hat sie ungezählte Male die Kirche St. Pantaleon zum stillen Gebet aufgesucht.

Nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Glauben der Kirche ist nun in dieser Osternacht ihr jahrelanger Wunsch in Erfüllung gegangen, sich sakramental dem Auferstandenen und der von ihm gestifteten weltweiten Kirche ganz anzuvertrauen. Wir begrüßen sie in „unseren Reihen“, auch bewegt und berührt von ihrem kurzen, aber eindringlichen und zugleich sehr persönlichen Glaubenszeugnis, das sie in der Osternacht unmittelbar vor ihrer Taufe vor uns allen abgelegt hat.

Unsere österliche Freude wird leider getrübt von der unter der Militärgewalt in Myanmar steigenden Zahl von Toten, wie auch von dem an diesem Palmsonntag verübten Selbstmordanschlag vor der katholischen Kirche in der Stadt Makassar auf der indonesischen Insel Sulawesi gegen zahlreiche, dort versammelte Christen. Ein Wachmann konnte offenbar Schlimmeres verhindern, so dass „nur“ 20 Gläubige verletzt wurden. Die beiden mutmaßlichen Täter kamen der Polizei zufolge bei der Gewalttat ums Leben.

Unser Gebet und unsere Gedanken sind bei den Toten, den Verletzten und politisch Inhaftierten, und bei all den anderen religiösen oder ethischen Minderheiten, die seit Jahren verfolgt, unterdrückt und vertrieben werden. – Wird es einmal einen christlichen Feiertag ohne Anschläge auf Christen und Kirchen geben!? Warum dieser Hass? Warum diese Gewalt?

Als Antwort darauf bekennen wir mit umso größerer Kraft mit dem um 1900 nach alten Vorgaben neu vertonten Bekenntnis aus den „laudes regiae“: „Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat.“ (Christus siegt, Christus herrscht als König, Christus gebietet.) – Denn Jesus lebt in Ewigkeit!

Ihr

Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 13/21 (B)

Johann Koerbecke - Kreuzigung

In seiner Botschaft zur Fastenzeit 2021 lädt Franziskus zur Umkehr ein. „Eine Fastenzeit der Liebe leben heißt sich um den kümmern, der aufgrund der Covid-19-Pandemie eine Situation des Leidens, der Verlassenheit oder Angst durchmacht.“ Das schreibt der Papst in der Botschaft, die zu Beginn der Fastenzeit Mitte Februar veröffentlicht wurde.

Lesen Sie hier eine kurze Zusammenfassung des Schreibens von Stefan von Kempis aus dem Vatikanstaat

Pfarrnachrichten 11/21 (B)

Barocke Deckenmalerei - 1730 in der ehemaligen Klosterkirche Vornbach am Inn. – Die "Heilige Familie" bei der Heimarbeit: Maria näht, Josef schreinert und Jesus fegt die Späne zusammen.

Kommenden Freitag, am 19. März, begehen wir das Hochfestes des Hl. Josef, des Bräutigams der Gottesmutter Maria, der zugleich Schutzpatron unseres Erzbistums ist. Im vergangenen Jahr, am 8. Dezember, hat Papst Franziskus ein „Jahr des heiligen Josefs“ ausgerufen, das bis zum 8. Dezember 2021 dauern wird. Zeitgleich hat Papst Franziskus das Apostolische Schreiben „Patris corde“ veröffentlichen lassen.

Das Datum wurde bewusst gewählt: Vor 150 Jahren hatte der selige Papst Pius IX. mit dem Dekret „Quemadmodum Deus“ – unterzeichnet am 8. Dezember 1870 – den Hl. Josef zum Schutzpatron der gesamten katholischen Kirche erklärte. Zum einen möchte Papst Franziskus dieses Jubiläums gedenken und es gebührend feiern. Hintergrund des Schreibens ist aber auch die weltweite Situation durch Covid-19: Diese habe verdeutlicht, welche Bedeutung gewöhnliche Menschen haben – all jene, die sich jenseits des Rampenlichts tagtäglich in Geduld üben und Hoffnung verleihen, indem sie Mitverantwortung säen. Genau so, wie der heilige Josef, „dieser unauffällige Mann, dieser Mensch der täglichen, diskreten und verborgenen Gegenwart“, so Papst Franziskus.

Für ihn ist der Hl. Josef einer, „der in der Heilsgeschichte eine unvergleichliche Hauptrolle spielt.“ Der heilige Josef habe nämlich seine Vaterschaft ganz konkret ausgedrückt, „indem er seine menschliche Berufung zur familiären Liebe in die übermenschliche Darbringung seiner selbst, seines Herzens und aller Fähigkeiten verwandelt hat, in die Liebe, die er in den Dienst des seinem Haus entsprossenen Messias gestellt hat“.

Deshalb sei er „von den Christen seit jeher geliebt“. (Punkt 1 im Apostolischen Schreiben). Geliebter Vater, zärtlicher Vater, sowohl gehorsam als auch gastfreundlich; ein Vater des kreativen Muts, ein Arbeiter, einer, der immer im Schatten steht.

In ihm habe Jesus die Sanftmut Gottes gesehen, „die uns unsere eigene Schwäche innerlich annehmen lässt“, und durch welche sich die meisten der göttlichen Pläne verwirklichen. In der Tat sei es so, dass Gott „uns nicht verurteilt, sondern aufnimmt, umarmt, unterstützt und vergibt.“ (Punkt 2, ibid.) Josef sei Vater auch im Gehorsam gegenüber Gott: Mit seinem „fiat“ rette er Maria und Jesus und lehre seinen Sohn, „den Willen des Vaters zu tun“, und beizutragen zum „großen Mysterium der Erlösung“. (Punkt 3, ibid.). – (Die Zusammenfassung wird fortgesetzt.)

In „Patris corde” gibt der Papst auch eine persönliche Lebensgewohnheit preis: Seit mehr als vierzig Jahren bete er jeden Tag nach den Laudes ein Gebet zum heiligen Josef. Dieses Gebet stammt aus einem französischen Andachtsbuch der Kongregation der Barmherzigen Schwestern von Jesus und Maria aus dem 19. Jahrhundert. Das Gebet bringe dem heiligen Josef Verehrung und Vertrauen entgegen, fordere ihn aber auch ein wenig heraus, so der Papst; denn es heißt dort: „Heiliger Josef, glorreicher Patriarch, der du das Unmögliche möglich machen kannst, komm mir in meiner Not und Bedrängnis zu Hilfe. Gewähre in den ernsten und schwierigen Anliegen, die ich dir anvertraue, deinen Schutz, sodass alles ein glückliches Ende nimmt. Mein geliebter Vater, ich setze mein ganzes Vertrauen in dich. Niemand soll sagen können, er habe dich vergeblich angerufen, und da du bei Jesus und Maria alles erwirken kannst, lass mich erfahren, dass deine Güte ebenso groß ist wie deine Macht. Amen.“

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

 

Pfarrnachrichten 10/21 (B)

Jean Jouvenet: Les marchands chassés du Temple (1706)

Die Vertreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem wird von allen vier Evangelisten erzählt. Zugleich ist es einmalig, wie der sonst eher besonnen agierende Jesus nun auftritt (vgl. Joh 2,13-25): „Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.

Vermutlich hat Jesus mit seiner Aktion nicht viel ausgerichtet. Am nächsten Tag, vielleicht schon nach wenigen Stunden, waren die Händler wieder am angestammten Platz, ohne dass Jesus erneut eingriff. Es war also eine „prophetische“ Aktion.

Jesus wurde nicht zurückgehalten. In seinem Eifer ließ man ihn gewähren. Die schräge Situation im Tempel war ja auch hinreichend bekannt: Ein geschäftsträchtiger Opferbetrieb und eine Priesterschaft, die mit den Römern paktierte. Jesus wurde allerdings zur Rede gestellt: „Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst?“ Die Juden fragen nach den Gründen, die ein solchen Eingriff in den Tempelbetrieb legitimieren.

Jesu Antwort verstehen selbst seine Jünger erst nach der Auferstehung: „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“ Jesus meinte den Tempel seines Leibes.

Jesus stellt mit seiner Aktion den bisherigen Tempelkult als solchen in Frage! Deshalb sagt er: „Reißt diesen Tempel nieder.“ Dieser Tempel ist nicht mehr notwendig. Dieser Tempel steht für eine Gottesverehrung, die mit ihm, dem Menschensohn, nun zu Ende geht.

Für die Juden war Gott im Tempel gegenwärtig. Er allein war dem einen und einzigen Gott geweiht. Damit war der Jerusalemer Tempel der einzige Ort, wo man Gott nahekommen konnte. Für die Juden gab und gibt es nur diesen einen Tempel: den in Jerusalem. Die Synagogen überall im Land waren keine Tempel, sondern nur Versammlungs-, Lehr- und Gebetshäuser.

Im Gegensatz dazu waren viele antike Städte voll von Tempeln für die verschiedenen Götter. Noch heute kann man das in den Ruinen sehen. Demgegenüber der eine Tempel in Jerusalem in Stein gewordenes Bekenntnis der Juden zu dem „Einen Gott“.

Bald hatte sich um dieses im Stein sichtbare Bekenntnis ein geschäftsträchtiger Opferbetrieb angesiedelt. Aufwendige Wallfahrten und eine äußerliche Pracht des jüdischen Gottesdienstes verdunkelten das ursprüngliche Anliegen. In klarer Abgrenzung davon beansprucht Jesus eine neue Art der Gottesverehrung, die in seiner Person gipfelt. Nicht mehr im Tempel, sondern in ihm, dem „Sohn Gottes“, ist fortan Gott zu finden!

Von nun an soll Religion nicht mehr allein um Kult und Gesetz kreisen. Nun soll sie vorrangig in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Sinn und Fülle finden. Dies stellt vor allem das Johannes-Evangelium immer wieder heraus. Die überlieferte, äußerliche und vom Tun des Menschen bestimmte Religiosität ist damit Geschichte.

Darum sagt Jesus sagen: „Reißt diesen Tempel nieder!“ Er wird nicht mehr gebraucht. Von nun an gilt: „betet Gott im Geist und in der Wahrheit an“ (vgl. Johannes-Evangelium 4,23): Vor allem also in einer bestimmten inneren Haltung und nicht mehr ausschließlich an einem einzigen, bestimmten „heiligen Ort“ hier auf Erden. Sondern überall.

Jesus selbst, der Auferstandene, ist der neue Tempel, der „in drei Tagen wieder aufgerichtet wird“. Verstanden habe das seine Jünger erst nach Tod und Auferstehung des Herrn. Dann „erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte“. Dann verstanden sie, was Jesus mit diesem Wort gemeint hat.

Die frühe Kirche hat diesen „Abschied vom Tempel“ sehr ernst genommen. Sie brachte keine Opfer mehr dar wie im jüdischen Tempelkult, und sie baute keine Tempel, sondern lediglich Versammlungshäuser für die Gemeinde. Die „Kirchen“ der Christen hatten schon rein baulich keinerlei Ähnlichkeit mit Tempeln; weder mit dem der Juden, noch mit denen der Griechen, Römer oder anderer Kulturen. Ihr Stil der „Basilika“ nahm sich völlig profane Gebäude zum Vorbild: die Rats- und Gerichtshallen, die der Volksversammlung dienten!

Die Gemeinde selbst verstand sich als „Leib Christi“ und „Tempel des Heiligen Geistes“. Der neue Tempel ist ein Bau aus lebendigen Steinen! Mitten in der profanen Welt! So gesehen, wird Jesu „Tempelreinigung“ zur Anfrage auch an uns, an unsere Art der Gottesverehrung und Gottesbegegnung mitten in der Welt und im Alltag. Das schließt nicht aus, sondern ganz und gar mit ein, dass wir weiterhin auf Kirchorte angewiesen bleiben, wo Gott weiterhin, nun im Tabernakel besonders gegenwärtig und zu finden ist.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 09/21 (B)

Wie Abrahams Sohn trägt auch Gottes Sohne das Opfer-Holz auf dem Rücken den Berg empor.

A B R A H A M S   O P F E R   H E U T E

Die erste Lesung des zweiten Fastensonntags mutet Ungeheuerliches zu. Die Verse dieser Perikope (Gen 22,1-18) gehören mit zu den schwierigsten in der Bibel.

Abraham und seiner Frau Sara waren kinderlos geblieben. Altersbedingt war Sara schon länger in Umständen, die ein Kind ausschlossen. Die Verheißung Gottes an Abraham, soviel Nachkommen zu haben, wie Sterne am Himmel, schien dahin. Mit der unerwarteten Geburt Isaaks erfüllte sich Gottes Verheißung dann doch. Alles hatte sich zum Guten gewendet!

Dann aber „stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sagte: Hier bin ich. Er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Ísaak, geh in das Land Moríja und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar!“ Den einzigen Sohn, den Abraham über alles liebte, den Hoffnungsträger und die alleinige Zukunft der Familie sollte Abraham jetzt opfern.

Als Abraham seine Hand zum Messer ausstreckte, um seinen Sohn zu schlachten, gebot der Engel des Herrn dem Abraham überraschend Einhalt: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten.“ Abraham muss seinen Sohn nun doch nicht opfern. Zur Rettung des Sohnes lässt Gott den Abraham einen Widder in unmittelbarer Nähe sehen, den er nun anstelle seines Sohnes opfert.

Daraufhin erneuert und bestätigt Gott seinen Bund und seine Verheißungen: „Weil du das getan hast und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen überaus zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand.“ Es war also „lediglich“ eine Prüfung, eine „Probe“.

Dennoch erregt das Anstoß. Obwohl auch diese Episode am Ende gut ausgeht, fragt man unwillkürlich: Was ist das für ein Gott, der einem Menschen solches zumutet und mit so etwas auf die Probe stellt? Ist das nicht grausam; zutiefst unmenschlich, gar „ungöttlich“? Auch wenn diese Prüfung dann doch nicht mit einem Menschenopfer endet?

Ich möchte im Folgenden fünf kurze Antworten auf diese Fragen geben. Eine erste finden wir in der Geschichte; bis heute. Damals waren Menschenopfer, unter anderem das Ofer der Erstgeburt, durchaus verbreitet. Schon allein deshalb war es für Abraham nicht völlig abwegig, Gott seinen Sohn zu opfern. Das war Bestandteil alter Kulturen, in denen er großgeworden war.

Nun aber wurde auf Gottes Anordnung das Opfer des Knaben zurückgewiesen und anstelle von Isaak ein Tier geopfert. Von da an sind Menschenopfer in Israel tabu. Andere Völker brachten noch Jahrhunderte später, die Azteken bis ins frühe 16 Jahrhundert Menschenopfer dar. Israel seit Abraham nicht mehr.

Gott will keine Menschenopfer. Gegen den ersten Augenschein ist genau das die erste Botschaft dieser biblischen Erzählung: Für Gott ist der Mensch so heilig, dass er nie geopfert werden darf. – Hier nun sind wir gefragt. Wie halten wir es damit in unserer scheinbar aufgeklärten und zivilisierten Welt von heute?

Leider sind „Menschenopfer“ weiterhin Realität. Etwa in den Kriegen des 20. Jahrhunderts. Unzählige – insbesondere Väter – haben stolz ihre Söhne in den Krieg und damit in den Heldentod ziehen lassen. Sie fühlten ähnlich wie Abraham. Nun aber säkularisiert. Sie haben ihre Söhne nicht mehr Gott, sondern der eigenen Nation geopfert. Dazu sagt die Bibel eindeutig: Gott will das nicht!

Bis heute begehen Menschen aus scheinbar religiösen Motiven Selbstmord-Attentate und halten sich für Märtyrer. Auch dazu sagt die Bibel: Gott will das nicht!

Aus meiner Kindheit und Jugend erinnere ich mich noch sehr gut an einige wenige Gleichaltrige mit mongoloiden Zügen. Es sind statistisch exakt 0,2 Prozent aller gezeugten Kinder, die eine der vier möglichen Varianten von „Trisomie“ haben. Damals haben wir mitbekommen, wie diese Kinder uns alle zu Fürsorge und Zuneigung gegenüber Benachteiligten inspiriert und gefördert haben. Man sieht diese Kinder heute aber nicht mehr, weil 96% von ihnen vor ihrer Geburt irgendeiner gesamtgesellschaftlichen Gesundheit geopfert und als Abfall entsorgt werden. Auch dazu sagt die Bibel: Gott will das nicht!

Ähnlich ergeht es den anderen Ungeborenen, die vor ihrer Geburt einer angeblich höherwertigen Lebensplanung geopfert und ebenfalls entsorgt werden. In den Jahren 2017-2019 waren es bundesweit jährlich über 100.000 Ungeborene, die durch den sogenannten „Schwangerschaftsabbruch“ nie das Licht der Welt erblickt haben. Auch dazu sagt die Bibel: Gott will das nicht!

Demgegenüber fordert die Geschichte vom Opfer des eigenen Sohnes durch den greisen Abraham auf der anderen Seite dazu auf, die eigenen Kinder loszulassen. Das ist das zweite; was Gott nun ausdrücklich will.

Jeder Vater, jede Mutter muss irgendwann den eigenen Sohn, die eigene Tochter „hergeben“: Wenn die Kinder heranwachsen und ihr eigenes Leben führen wollen. Es fällt schwer, Kinder loszulassen! Es ist oft über Jahre ein Ringen um den richtigen Weg, um die „goldene Mitte“.

Manche Eltern „klammern“ oder setzen ihre Kinder unter Druck, wenn sie eigene Wege gehen wollen oder den elterlichen Wunschvorstellungen nicht entsprechen. Andere machen es sich zu einfach. Sie lassen ihre Kinder im Stich, wo sie auf elterliche Führung weiterhin angewiesen sind. Das ist die andere Seite des Opfers, um das Gott uns bittet, ähnlich bis zum Äußersten wie damals Abraham.

Im Opfer des Isaak signalisiert Gott dem Abraham zunächst: Dein Sohn ist ein Geschenk, aber er wird dadurch nicht dein Eigentum! Er gehört dir nicht. Du musst ihn freigeben. Dann bekommt Abraham seinen Sohn zurück, jedoch erst nachdem er ihn hergegeben und gerade nicht festgehalten hat.

So ist es bis heute: Eltern, die ihre Kinder unbedacht und ohne Opferbereitschaft festhalten, verlieren sie meist erst recht. Die Kinder müssen sich mit Gewalt befreien und gehen dann im Unfrieden. Lässt man sie aber im rechten Augenblick frei, bleibt zumindest ein gutes Verhältnis. Kinder gehen dann weg; aber sie kommen auch wieder. Nach einer gewissen Zeit entdecken sie neu, was sie ihren Eltern verdanken. Vor allem dann, wenn Eltern bis zum Äußersten zur notwendigen Begleitung und zugleich zur größtmöglichen Freiheit bereit sind.

Die letzten drei Antworten sind zunehmend religiös. – So wiederholt sich die „Glaubensprobe“ des Abraham bis heute auch bei uns: bei Schicksalsschlägen oder durchkreuzten Lebensplänen bis hin beim Sterben lieber Menschen.

Manche Eltern verlieren tatsächlich ein Kind. Das gehört zu den tragischsten Verlusten überhaupt. All das stellt den Glauben auf die Probe, ja erschüttern ihn.

Die schicksalhafte Geschichte Abrahams und Isaaks bestärkt darin, dass am Ende Gott alles zum Guten lenkt. Das tröstet, macht Hoffnung und schenkt in der Prüfung Mut. Man fühlt sich Schicksalsschläge nicht länger ohnmächtig ausgeliefert und wie blind ergeben. Man vermag ihnen einen Sinn abzugewinnen und sie als „Prüfung“, als positive Herausforderung anzunehmen, an denen man wachsen kann. Allein dieser andere Blickwinkel macht schon viel aus.

Das gilt auch für den Tod, obwohl er endgültig ist. Paulus sagt mit Anspielung auf diese Geschichte etwas Eigentümliches: „Abraham glaubte dem Gott, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft“ (vgl. Römerbrief 4,17). Wir können im Glauben auch die Toten loslassen und in Gottes Hand geben. Denn Gott wird sie auferwecken und uns wieder mit ihnen vereinen. Am Ende lenkt Gott alles zu Guten – wenn nicht schon in dieser Welt, dann in der jenseitigen!

Die vierte Antwort nach dem Sinn dieser Geschichte und dem vermeintlich unmöglichen Gott lässt sich am besten als Frage formulieren. Nämlich: Wieviel ist mir Gott wert?

Bedeutet mir Gott wirklich mehr als alles? Bin ich bereit, für Gott wirklich alles loszulassen und herzugeben? Im Extremfall sogar das Leben, wenn mein Zeugnis für das grundlegend Wahre, Gute und Gerechte unumgänglich gefragt wäre?

Gott sei Dank wird nur wenigen so viel abverlangt. Wir wären dem vielleicht nicht gewachsen. Aber es gibt noch weitaus anderes, das wir auf jeden Fall hergeben müssen, wenn wir als Christen leben und am Ende überleben wollen. Lebenspläne etwa. Und zwar eigene, wenn sich unerwartet Wichtigeres ergibt, oder auch die, die wir für unsere Kinder ausdenken, wenn sie andere Wege gehen.

Und wie ist das mit dem eigenen Stolz, den irdischen Erfolgen, und dem Ansehen bei anderen? Abraham war bereit, für Gott alles aufzugeben. Wieviel bin ich bereit, für Gott aufzugeben?

Wäre ich bereit, für Gott und den einen wahren Glauben an ihn auch anspruchsvolle Konflikte zu wagen? Und notfalls auch meine gute Reputation dafür aufs Spiel zu setzen, wenn das notwendig werden sollte? Was ist mir Gott wert? Ist er für mich wirklich Gott, das heißt: mehr als alles?

Zuletzt noch eine fünfte Antwort auf die Frage nach dem Sinn dieser anspruchsvollen Opfergeschichte von Abraham und Isaak aus dem Alten Testament. Sie wurde bereits in urchristlicher Zeit von Jesu Leben, Sterben und Auferstehen her neu gelesen. Isaaks Opfergang wird dann zum Voraus-bild von Jesu Kreuzweg. Und was Gott von Abraham am Ende doch nicht verlangt hat, das gibt er uns in seinem Sohn, der wie Isaak das Opferholz den Berg empor trägt. Dort teilt er unser Schicksal von Tod und Leiden und nimmt dabei unsere Schuld auf sich. „Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin“, beten wir in der Osternacht.

Auch hier lenkt Gott am Ende alles zum Guten. Jesu Sterben bringt Segen und Heil. Seine Auferstehung öffnet den Himmel und damit den Zugang zum göttlichen Leben.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 08/21 (B)

Am ersten Sonntag in der Fastenzeit wird traditionsgemäß der Fastenhirtenbrief unseres Erzbischofs verlesen; jüngst sogar per Videobotschaft eingespielt. Er liegt dann auch in der Kirche aus.

So möchte ich Ihnen in diesem Pfarrbrief die aufschlussreichen Erläuterungen unseres emeritierten Papst Benedikt zum Aschenkreuz weitergeben, die er einmal in einer Aschermittwoch-Predigt zu Beginn der Fastenzeit vorgetragen hat.

Das stoffliche Symbol und Naturelement „Asche“, so der emeritierte Papst Benedikt, sei bereits in der jüdischen Kultur Zeichen der Buße gewesen. In der Aschermittwochsliturgie, an dem Tag, an dem die österliche Bußzeit beginnt, werde sie zu einem nicht-sakramentalen, heiligen Zeichen mit einer hohen Bedeutung. Es trage den Kosmos in die Liturgie und verweise auf den Schöpfungsbericht, nach dem Gott den Menschen aus Erde vom Ackerboden formte.

Das Symbol der Asche „führt also zurück zu jenem großen Fresko der Schöpfung, von der gesagt wird, dass in ihr der Mensch eine einzigartige Einheit von Materie und göttlichem Hauch ist, und zwar im Bild des Staubes der Erde, der von Gott geformt und belebt wird durch seinen Atem, den er dem neuen Geschöpf durch die Nasenflügel einhaucht.“

Durch die Sünde erfahre im Buch Genesis das Symbol des Staubes eine negative Wandlung. Vor dem Sündenfall wird der Ackerboden als vollkommen gute Kraft beschreiben: Getränkt durch eine Wasserquelle ist er in der Lage, Bäume mit köstlichen Früchten wachsen zu lassen. Nach dem Sündenfall ist er verflucht: Er bringt nun Dornen und Disteln hervor, und nur unter Schmerzen und im Schweiße des Angesichts gewährt er dem Menschen gute Früchte. Durch diese Wandlung sei der Staub der Erde zum Zeichen des unausweichlichen Todes geworden und erinnere nicht mehr an das Schöpfungshandeln Gottes.

Die Verfluchung des Ackerbodens habe für den Mensch allerdings die Funktion einer Arznei, erklärte Papst Benedikt, wobei er den Hl. Johannes Chrysostomos zitierte. Durch den „Widerstand“ der Erde werde dem Menschen geholfen, innerhalb seiner Grenzen zu bleiben und die eigene Natur anzuerkennen. Die Verfluchung des Ackerbodens habe „medizinische Funktion“ und zeige, dass Gottes Absichten immer gut sind. Gott müsse den Menschen strafen, weil er die Freiheit des Menschen und ihre Konsequenzen respektiere, auch wenn sie negativ seien. Aber Gott zeige zusammen mit der gerechten Strafe auch den Weg des Heils auf. Dieser Weg zum Heil führe durch die Erde, durch den Staub und durch jenes Fleisch, das das Wort annehmen werde. Die Einladung zur Buße und zum Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit führe den Menschen nicht in Verzweiflung, sondern zur Annahme der unvorstellbaren Nähe Gottes, „der jenseits des Todes den Weg zur Auferstehung und zum endlich wiedergefundenen Paradies eröffnet.“

„Jener Gott, der die Ureltern aus Eden vertrieben hat, hat seinen eigenen Sohn in die von der Sünde zerstörte Welt gesandt und hat ihn nicht geschont, auf dass wir verlorenen Söhne geläutert und erlöst durch seine Barmherzigkeit heimkehren können in unsere wahre Heimat“, schloss der Papst seine Ansprache und wünschte dies allen Menschen, die sich demütig als des Heils Bedürftige erkennen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 07/21 (B)

Im Tagesgebet betet die Kirche an diesem Sonntag: „Gott, du liebst deine Geschöpfe, und es ist deine Freude, bei den Menschen zu wohnen. Gib uns ein neues und reines Herz, das bereit ist, dich aufzunehmen.“

Dies weckt Assoziationen zu dem alttestamentlichen Versprechen Gottes: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.“ (Ezechiel, 36,26) Im Tagesgebet dieses Sonntags wird die Bitte um ein „neues und reines Herz“ nun ausdrücklich in einen engen Zusammenhang damit gebracht, dass Gott seine Geschöpfe liebt und mit Freude „bei den Menschen“ wohnt. Er ist also nicht nur der Gott, der ein neues und reines Herz gibt, sondern darüber hinaus das Herz mit seiner Gegenwart erfreut.

Mit dem „Herz von Fleisch“ ist ein Herz gemeint, das der Größe und Würde des Menschen entspricht. Das „Herz aus Stein“ hingegen ist das alte Herz, das wie ’versteinert’ ist, weil es auf sich selber bezogen bleibt. Wer beim Alten bleibt und seinem “Herzen aus Stein“ den Vorzug gibt – selbstherrlich und bequem –, der wird zum Sklaven seiner selbst und damit unfrei.

Wer sein „Herz aus Stein“ behalten möchte, der entscheidet sich damit zugleich für ein Leben ohne Gott. Und er bleibt dann auch ohne diesen Gott, der niemanden zu seinem Glück zwingt. Ohne Gott jedoch bleibt jeder Mensch unweigerlich sich selber und einer schließlich unbeugsamen und unbarmherzigen Eigenliebe verhaftet. Genau das ist wohl der Zusammenhang, um den es hier geht, und der im Tagesgebet dieses Sonntags beleuchtet wird.

Es ist eine anthropologische Grundwahrheit, dass niemand aus eigener Kraft sich aus einer widersinnigen Ichbezogenheit zu lösen vermag, die raffiniert und „klug wie die Schlange“ den Menschen über sich selber immer wieder stolpern lässt und am Ende zu Fall bringt. Das ‚alte Herz’ ist schließlich doch immer stärker als man selber. Aus dieser Ichbezogenheit, die verfänglich und erniedrigend in jedem schlummert, vermag nur Gott zu befreien. Das ist Erlösung, wie christlicher Glaube sie verkündet.

Ohne Gott bleibt dem Menschen keine andere Wahl, als die Ichbezogenheit als vermeintlich eigentliches Lebensziel zu erproben, obwohl das gegen seine Natur und sein Wesen geht. Er spürt den inneren Zwiespalt, vermag diese Widersprüchlichkeit aus eigener Kraft aber nicht aufzulösen.

Menschen mit einem ‚alten und unreinen Herzen’ sind also solche, die nicht wollen, dass Gott sie erlöst und verwandelt. Sie wollen nicht, dass Gott in ihnen wohne. Sie ziehen es vor, ganz nach eigener Vorstellung sie selbst zu bleiben. Damit manövrieren sie sich in einen inneren Zweispalt, der sich im Widerspruch zum eigenen Wesen verfestigt und zunehmend unbeweglich macht. So sind sie unweigerlich der eigenen Vergänglichen, am Ende der Macht des Todes und den dunklen Mächten ausgeliefert.

Eine ganz andere Lebenshaltung kommt zum Ausdruck in dem abgebildeten Zettel, der klein zusammengefaltet unter Fotos im Nachlass von Bernhardine Willemsen gefunden wurde.

Er enthält auf der abgebildeten Vorderseite die folgende päpstliche Bestimmung zur Erlangung eines vollkommenen Ablasses bei Fliegerangriffen aus der Zeit des zweiten Weltkrieges: "Vollkommener Ablaß zur Zeit eines feindlichen Fliegerangriffes. Der Hl. Vater hat allen Gläubigen, deren Wohnort von feindlichen Fliegern angegriffen wird, einen vollkommenen Ablaß bewilligt, wenn sie während des Angriffes 1) einen Akt wahrer Gottesliebe und vollkommener Reue über ihre Sünden erwecken (etwa mit den Worten: Dich liebt o Gott mein ganzes Herz, und dies ist mir der größte Schmerz, daß ich erzürnt dich höchstes Gut, ach wasch mich rein in deinem Blut!) 2) andächtig das Stoßgebet verrichten: Mein Jesus, Barmherzigkeit!"

Ich wünsche Ihnen die göttliche Gabe eines reinen Herzens!

Pfarrer Dr. phil. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 06/21 (B)

„Anwaltliches Gutachten“ spricht Kardinal Woelki frei

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Nach einigem Überlegen halte ich es in der aktuellen Lage für gerechtfertigt, an Stelle der sonst üblichen, eher frommen und kirchentreuen Darlegung der sonntäglichen Bibellesungen, an dieser Stelle ausnahmsweise auch einmal den laizistischen und kirchenfernen „Spiegel“ zu kommentieren.

Thomas Fischer, geboren 1953 in Werdohl (NRW), ehem. Vorsitzender Richter am 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs, ist Autor des Standard-Kommentars zum Strafgesetzbuch und Verfasser zahlreicher Kolumnen im „Spiegel“, in denen er sich mit Fragen des Strafrechts beschäftigt. Mit seinem Beitrag vom 05.02.2021 hat er dem Kölner Erzbischof unaufgefordert ein Rechtsgutachten beschert. Es ist überschrieben mit „Absolute Absolution“. Diese gilt Kardinal Woelki.

Der Spiegel-Autor verortet seine „gutachterliche“ Kolumne – der Linie seiner Zeitschrift getreu – in einer teils weltfremden Realitäts-Wahrnehmung, die er einschlägigen christlichen Zeitschriften und Online-Portalen wie auch einer „publizistischen Laienschar“ attestiert, zu der für ihn wohl auch einige katholische Räte und Kleriker zählen dürften.

Im Folgenden beschränkt sich der Autor auf „ein paar Bemerkungen zum strafrechtlichen Teil des (veröffentlichten) Gutachtens (der Münchener Kanzlei) für das Bistum Aachen, das insoweit möglicherweise vom Kölner Gutachten (was Kardinal Woelki erst mit dem neuen Gutachten ab dem 18. März veröffentlichen möchte) nicht sehr verschieden ist.“ Über den veröffentlichten strafrechtlichen Teil des Aachener Gutachtens urteilt Thomas Fischer: „Er erscheint mir suboptimal.“

Die Defizite werden dann einzeln aufgearbeitet. Von dieser Grundlage her übt der "Spiegel"-Autor dann auch an Protagonisten Kritik, die wiederholt mit vehementer Polemik den Rücktritt des Erzbischofs forderten. Wörtlich schreibt er: "Wir bewegen uns damit einmal mehr auf der Kreisbahn öffentlicher Vorurteile und Empörungsverlautbarungen, auf der zwischen der Behauptung, irgendetwas sei möglicherweise passiert, der Feststellung, der 'Druck nehme zu', und der Forderung, irgendjemand müsse von irgendetwas 'zurücktreten' in der Regel nicht mehr als zehn Tage vergehen."

Wie ist das in Köln gelaufen? Richtig begonnen hat es mit der inzwischen weitgehend entkräfteten Behauptung des Münsteraner Kirchenrechtsprofessors Thomas Schüller, wie sie durch den Stadtanzeiger vom 11. Dezember 2020 – und das dann sofort mehrfach wiederholt – verbreitet wurde: „Es nützt Woelki nichts … auf Zeit zu spielen. … Ein Rücktritt sei ‚nach Aktenlage unausweichlich‘“. Damit war der Köder ausgelegt und das notwendige Tempo der folgenden Inszenierung vorgegeben. Einer nach dem anderen hat angebissen und sich mit ins Boot ziehen lassen. Damit konnte wochenlang geliefert werden, was wie ein Skandal aussah.

Nach diesem, den derzeitigen Stand aufklärenden Sachverhalt, ist die Welt kurz vor Karneval zumindest in zwei Angelegenheiten wieder vom Kopf auf die Füße gestellt: Köln hat – zudem ohne zusätzliche Anwaltskosten – Schritt für Schritt nun auch seinen Kardinal wieder. Und der Spiegel hat die Lokalpresse unterhaltsam, aber zugleich deutlich in ihre Schranken gewiesen und wie nebenbei ein Hoheitsrecht für eine Skandalberichterstattung beansprucht, die trotz mancher Schlappen in den vergangenen Jahren nicht – wie die von einer Lokalpresse bemühten – am Ende in sich kollabiert.

Damit können wir als Kölner nun auch im Corona-Jahr erst einmal unbeschwert singen: Kumm, loss mer fiere, nit lamentiere. Nach Karneval beginnt mit Aschermittwoch allerdings die Fastenzeit. Es täte uns allen, und den Kölner Katholiken nach diesem Schlagabtausch insbesondere, sehr gut, umzukehren und Buße zu tun. Denn in einer seit dem 4. Februar auf der Plattform „OpenPetition“ online gestellten Petition („Wir sprechen Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki das Vertrauen aus“) schreibt ein Opfer: „Nachdem ich traumatische Erfahrungen in der Kirche gemacht habe, wurde mir im Bistum Köln von der Bistumsleitung sehr persönlich und dauerhaft geholfen. Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich dadurch meinen Glauben nicht verloren habe, sondern dass der Glaube mir hilft, Frieden zu finden und zu vergeben. Ich möchte nicht für Richtungskämpfe zwischen Konservativen und Progressiven missbraucht werden.“

Eine andere, wie die erste ebenfalls unterstützenswerte Initiative, setzt sich nach eigenen Angaben "für Recht und Gerechtigkeit, Fairness und einen respektvollen Umgang miteinander in unserer Kirche" ein.

Schon jetz lade ich ein zu einem vorwiegend von jungen Leuten organisierten Rosenkranzgebets-Abend am Aschermittwoch, dem 17. Februar um 21:00 Uhr über Zoom. Den jungen Initiatoren geht es um ein gemeinsames Gebet zur Unterstützung für unseren Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki und für alle Menschen, die in der Kirche sexuelle Gewalt erfahren haben. All diese jungen Christen betonen einmütig, dass sie ihrem Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki vertrauen, dass er die Fälle sexuellem Missbrauchs im Erzbistum Köln aufklären wird. Ihnen geht es nicht um eine öffentliche Stellungnahme, sondern um die Kraft des Gebetes: Für den Erzbischof von Köln, um Hilfe und Stärkung für seine wichtige Aufgabe. Zusätzlich ist es möglich, einen gemeinsamen Brief an Kardinal Woelki zu unterschreiben.

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 05/21 (B)

In den Heiligen Schriften spricht Gott zu uns

Auf Wunsch von Papst Franziskus begeht die Kirche möglichst nah zum Beginn des Jahreskreises den „Sonntag des Wortes Gottes“. In diesem Jahr fällt er auf den 31. Januar 2021.

Die Nähe zu Weihnachten unterstreicht die Bedeutung dieses neu eingeführten „Sonntag des Wortes Gottes“. Weihnachten feiern wir, dass das Wort Fleisch geworden ist. Mit dem „Sonntag des Wortes Gottes“ steht nun das Wort des lebendigen Gottes relativ am Anfang des neuen Jahres wie eine weitere Einladung da: sich selber mit seinem Tun und Denken dem erlösenden Wort Gottes anzuvertrauen; und sich unter das Wort Gottes zu stellen, um aus ihm als Quelle des Lebens zu schöpfen.

Dazu hat die Kongregation für den Gottesdienst … eine „Note zum Sonntag des Wortes Gottes“ veröffentlicht, aus der wir im Folgenden von insgesamt 10 die ersten 5 Absätze zitieren.

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Der Sonntag des Wortes Gottes, … erinnert alle … an die Bedeutung und den Wert der Heiligen Schrift für das christliche Leben, wie auch an die Beziehung zwischen dem Wort Gottes und der Liturgie: „Als Christen sind wir ein Volk, das in der Geschichte unterwegs ist, gestärkt durch die Gegenwart des Herrn in unserer Mitte. Er spricht zu uns und er nährt uns. Der der Bibel gewidmete Tag soll nicht »einmal im Jahr«, sondern einmal für das ganze Jahr stattfinden. Wir verspüren nämlich die dringende Notwendigkeit, uns mit der Heiligen Schrift und dem Auferstandenen eng vertraut zu machen. Der Auferstandene jedenfalls hört nie auf, das Wort und das Brot in der Gemeinschaft der Gläubigen zu brechen. So müssen wir zu einer ständigen Vertrautheit mit der Heiligen Schrift gelangen. Sonst bleibt das Herz kalt und die Augen verschlossen, da wir, wie wir nun einmal sind, von unzähligen Formen der Blindheit betroffen sind.“

Dieser Sonntag ist daher eine gute Gelegenheit, einige kirchliche Dokumente … neu zu lesen, die … in jeder … liturgischen Feier …gelten.

1. Durch die biblischen Lesungen, … spricht Gott zu seinem Volk und Christus selbst verkündet sein Evangelium. Christus ist die Mitte und die Fülle der ganzen Schrift, des Alten und Neuen Testaments. Das Hören des Evangeliums, der Höhepunkt des Wortgottesdienstes, ist von einer besonderen Verehrung geprägt, die nicht nur durch Gesten und Akklamationen, sondern durch das Buch mit den Evangelien selbst zum Ausdruck kommt. Eine der rituellen Gestaltungsformen, die für diesen Sonntag geeignet sind, könnte die Einzugsprozession mit dem Evangeliar sein oder … seine Platzierung auf dem Altar.

2. Die Ordnung der biblischen Lesungen, die die Kirche im Lektionar zusammengestellt hat, eröffnet den Weg zur Erkenntnis des ganzen Wortes Gottes. Deshalb ist es notwendig, die angegebenen Lesungen zu berücksichtigen, ohne sie zu ersetzen oder zu streichen, und die für den liturgischen Gebrauch zugelassenen Versionen der Bibel zu verwenden. Die Verkündigung der Texte des Lektionars bildet ein Band der Einheit unter allen Gläubigen, die sie hören. Ein Verständnis der Struktur und des Sinns des Wortgottesdienstes hilft der Versammlung der Gläubigen, von Gott das Wort zu empfangen, das rettet.

3. Empfohlen wird das Singen des Antwortpsalms als Antwort der betenden Kirche; deshalb sollte der Dienst des Psalmisten(Kantors)in jeder Gemeinde verstärkt werden.

4. In der Homilie werden, dem Lauf des liturgischen Jahres folgend und ausgehend von den biblischen Lesungen, die Geheimnisse des Glaubens und die Grundsätze des christlichen Lebens dargelegt. „Die Hirten haben in erster Linie die große Verantwortung, die Heilige Schrift zu erklären und jedem zu ermöglichen, sie zu verstehen. Da sie das Buch des Volkes ist, müssen alle, die zum Dienst am Wort Gottes berufen sind, die dringende Notwendigkeit spüren, ihrer Gemeinschaft einen Zugang zur Heiligen Schrift zu eröffnen“. Die Bischöfe, Priester und Diakone müssen sich verpflichtet fühlen, diesen Dienst mit besonderer Hingabe auszuüben und sich dabei der von der Kirche angebotenen Mittel bedienen.

5. Besondere Bedeutung wird der Stille beigemessen, die … es ermöglicht, dass das Wort Gottes vom Zuhörer innerlich angenommen wird. …

 

Pfarrnachrichten 04/21 (B)

Berufung der Apostel - Ravenna

Der Prophet Jona, so erfahren wir in der ersten Lesung aus dem gleichnamigen alttestamentlichen Buch, „ging nach Ninive, wie der Herr es ihm befohlen hatte“. Ninive war eine Stadt allergrößten Ausmaßes. „Man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren“, erfahren wir.

Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus, und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an. Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus.

Ähnliches, aber zugleich deutlich anders akzentuiert, ereignet sich nach Markus, der im ersten Kapitel seines Evangeliums (Kap. 1, Vers 14f) folgendes berichtet: „Nachdem man Johannes den Täufer ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“

Diese zeitliche Abfolge vom Täufer hin zu Jesus drückt schon in der Erzählweise aus, dass die Zeit der Verheißungen abgeschlossen ist. Mit Jesus und seinem Wort sind Gottes Reich und Gottes Heil nun endlich auf Erden angekommen. Zugleich wird angedeutet – was später durch das Martyrium des Täufers offenbar wird –, dass damit nun nicht alle Mühen und Schwierigkeiten überwunden sind. Das lässt sich im Einzelnen wie folgt weiter aufschlüsseln.

Zuerst berichtet Markus in Vers 14, Kapitel 1 (s.o.), dass Jesus „das Evangelium Gottes verkündete“. Diesen Ausdruck „Evangelium Gottes“ verwendet dann später der heilige Paulus (Röm 1,1; 2 Kor 11,7 usw.) gleichbedeutend mit „Evangelium Christi“ (vgl. Phil 1,27; 2 Kor 2,12 usw.). Damit verweist Paulus auf die freudige Neuheit, die mit Jesus anbricht: das Reich Gottes nämlich. Und der Heilige Hieronymus bemerkt dazu in seinem Markus-Kommentar (Commentarium in Marcum 2): „Soweit ich mich erinnere, habe ich nie beim Lesen des Gesetzes, der Propheten oder der Psalmen vom Himmelreich reden gehört; nur beim Lesen des Evangeliums. Das Reich Gottes hat sich erst nach dem Kommen dessen eröffnet, der sagte: Das Reich Gottes ist in euch“.

Im darauffolgenden Vers 15 berichtet Markus dann (s.o.), dass die Teilhabe an diesem Reich eine innere Bekehrung verlangt. Sie ist unverzichtbare Voraussetzung; denn nur durch Bekehrung wird Raum für etwas Neues geschaffen. Erst die Bekehrung führt zur Bereitschaft, von Gott etwas Neues zu empfangen.

Dies hat der Heilige Papst Johannes Paul II in seinem apostolisches Schreibe Rosarium Virginis Mariae, Nr. 13 vom 16. Oktober 2002 einmal so auf den Punkt gebracht: „Jesus verkündet das Kommen des Reiches Gottes und lädt zur Umkehr ein (vgl. Mk 1,15); er vergibt die Sünden jener, die sich ihm mit demütigem Glauben nahen (vgl. Mk 2,3-13; Lk 7,47f) und beginnt so den Dienst der Barmherzigkeit, den er bis zum Ende der Welt fortführen wird, vor allem durch das Sakrament der Versöhnung, das er der Kirche anvertraut hat.“

Es ist segensreich, das immer wieder neu zu bedenken.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 02/21 (B)

Anbetung - die drei Heiligen Könige - Albrecht Dürer

Mit Weihnachten und Silvester ist ein außergewöhnliches Jahr zu Ende gegangen. Nach dem eher harmlosen Verlauf der angekündigten Gesundheitsrisiken im Frühjahr ist die Situation vor und nach Weihnachten und bis auf Weiteres nun doch spürbar anders. Vielleicht inspiriert es, erneut auf das Wesentliche zu schauen. Auf das, was wirklich entscheidend im Leben ist.

Gott ist Mensch geworden. Damit hat er uns sein Wort gegeben: Ein besonderes und einzigartiges Wort, das Fleisch wurde. So drückt es die Hl. Schrift anschaulich und konkret aus. Gott hätte alles auch anders machen können. Hat er aber nicht. Wohl aus gutem Grund.

So hat sich Gott mit uns Menschen erneut, jetzt sogar unübertreffbar verbunden. Das war in gewisser Weise notwendig, aus Gründen die wir nur Schritt für Schritt begreifen und nachvollziehen können.

Die erste Verbundenheit mit Gott haben wir Menschen schon am Schöpfungsmorgen durchbrochen. So hat Gott durch seine Menschwerdung – eine Art Neuschöpfung – die Verbundenheit nicht nur wiederhergestellt, sondern wunderbar erneuert. Aber auch dieses zweite Mal hat Gott sich mit uns nicht verbündet, um nun gemeinsam mit uns allein nach unseren Vorstellungen zu leben.

Christ, erkenne deine Würde!“ So hat es Leo der Große (+ 461) in einer der wohl bekanntesten Weihnachtspredigten formuliert. Und er fährt fort: „Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden (vgl. 2 Petr, 1,4), kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde.

Unsere Kräfte reichen dafür aber nicht aus. Um fortan mit Gott zu leben, und nicht doch wieder in die „alte Erbärmlichkeit“ zurückzufallen, bedarf es der Erlösung und ihrer anhaltenden Vergegenwärtigung. Diese hat uns Gott im realen und heiligenden Vollzug seiner Menschwerdung bis in Kreuz und Auferstehung hinein geschenkt. Und er hält sie durch unser Mitwirken im Vollzug der Eucharistie gegenwärtig: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“.

Wäre dieser reale Vollzug und seine bleibende Vergegenwärtigung nicht notwendig, sondern überflüssig, hätte Gott sich darauf beschränkt, nur sein heilendes Wort vom Himmel aus zu sprechen. Hat er aber nicht. Und wir begreifen nur langsam, warum sein erlösendes Wort sich in den irdisch-menschlichen Vollzug der Heilung und Erlösung hineinbegeben hat.

Gott hat sich also entäußert, ist Mensch geworden. Und das bis in den Tod am Kreuz. Die Auferstehung am dritten Tag bringt das entscheidende Licht in alles. In der Feier der heiligen Geheimnisse ist all dies reale und uneingeschränkte Gegenwart.

Deshalb feiert die Kirche auch in krisen- und gesundheitskritischer Zeit Eucharistie. Sie ist systemrelevanter als alles andere. Das Verständnis dafür aus der Mitte des Glaubens ist Vielen derzeit fremd geworden. Leider. Aus der inneren Logik der hier nur skizzierten Zusammenhänge verliert dann auch die persönliche Beziehung zwischen Gott und den Menschen an Seriosität und Tiefgang; sie droht sich aufzulösen in ein dann eher soziologisches Gemeindedenken.

Unabhängig davon: Wann immer besondere Hilfe von oben nötig ist, bleibt diese an den Vollzug der Mysterien geknüpft. Davon kann sie nicht abgetrennt werden. Und so ist es nicht nur gut, sondern unverzichtbar, auch in der gegenwärtigen Krisenzeit an Präsenzgottesdiensten festzuhalten.

Darüber hinaus haben wir „durch unser Hygienekonzept anerkanntermaßen einen hohen Standard des Infektionsschutzes erreicht, der es uns ermöglicht, unsere Gottesdienste weiterhin verantwortet feiern zu können. Dies ist erst kürzlich seitens der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina bestätigt worden“, wie Generalvikar Dr. Markus Hofmann schreibt, „so dass wir im Erzbistum Köln bei allen berechtigten Vorsichtsmaßnahmen unser Gottesdienstangebot nicht einzuschränken brauchen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)