Pfarrnachrichten 13/21 (B)

Johann Koerbecke - Kreuzigung

In seiner Botschaft zur Fastenzeit 2021 lädt Franziskus zur Umkehr ein. „Eine Fastenzeit der Liebe leben heißt sich um den kümmern, der aufgrund der Covid-19-Pandemie eine Situation des Leidens, der Verlassenheit oder Angst durchmacht.“ Das schreibt der Papst in der Botschaft, die zu Beginn der Fastenzeit Mitte Februar veröffentlicht wurde.

Lesen Sie hier eine kurze Zusammenfassung des Schreibens von Stefan von Kempis aus dem Vatikanstaat

Pfarrnachrichten 11/21 (B)

Barocke Deckenmalerei - 1730 in der ehemaligen Klosterkirche Vornbach am Inn. – Die "Heilige Familie" bei der Heimarbeit: Maria näht, Josef schreinert und Jesus fegt die Späne zusammen.

Kommenden Freitag, am 19. März, begehen wir das Hochfestes des Hl. Josef, des Bräutigams der Gottesmutter Maria, der zugleich Schutzpatron unseres Erzbistums ist. Im vergangenen Jahr, am 8. Dezember, hat Papst Franziskus ein „Jahr des heiligen Josefs“ ausgerufen, das bis zum 8. Dezember 2021 dauern wird. Zeitgleich hat Papst Franziskus das Apostolische Schreiben „Patris corde“ veröffentlichen lassen.

Das Datum wurde bewusst gewählt: Vor 150 Jahren hatte der selige Papst Pius IX. mit dem Dekret „Quemadmodum Deus“ – unterzeichnet am 8. Dezember 1870 – den Hl. Josef zum Schutzpatron der gesamten katholischen Kirche erklärte. Zum einen möchte Papst Franziskus dieses Jubiläums gedenken und es gebührend feiern. Hintergrund des Schreibens ist aber auch die weltweite Situation durch Covid-19: Diese habe verdeutlicht, welche Bedeutung gewöhnliche Menschen haben – all jene, die sich jenseits des Rampenlichts tagtäglich in Geduld üben und Hoffnung verleihen, indem sie Mitverantwortung säen. Genau so, wie der heilige Josef, „dieser unauffällige Mann, dieser Mensch der täglichen, diskreten und verborgenen Gegenwart“, so Papst Franziskus.

Für ihn ist der Hl. Josef einer, „der in der Heilsgeschichte eine unvergleichliche Hauptrolle spielt.“ Der heilige Josef habe nämlich seine Vaterschaft ganz konkret ausgedrückt, „indem er seine menschliche Berufung zur familiären Liebe in die übermenschliche Darbringung seiner selbst, seines Herzens und aller Fähigkeiten verwandelt hat, in die Liebe, die er in den Dienst des seinem Haus entsprossenen Messias gestellt hat“.

Deshalb sei er „von den Christen seit jeher geliebt“. (Punkt 1 im Apostolischen Schreiben). Geliebter Vater, zärtlicher Vater, sowohl gehorsam als auch gastfreundlich; ein Vater des kreativen Muts, ein Arbeiter, einer, der immer im Schatten steht.

In ihm habe Jesus die Sanftmut Gottes gesehen, „die uns unsere eigene Schwäche innerlich annehmen lässt“, und durch welche sich die meisten der göttlichen Pläne verwirklichen. In der Tat sei es so, dass Gott „uns nicht verurteilt, sondern aufnimmt, umarmt, unterstützt und vergibt.“ (Punkt 2, ibid.) Josef sei Vater auch im Gehorsam gegenüber Gott: Mit seinem „fiat“ rette er Maria und Jesus und lehre seinen Sohn, „den Willen des Vaters zu tun“, und beizutragen zum „großen Mysterium der Erlösung“. (Punkt 3, ibid.). – (Die Zusammenfassung wird fortgesetzt.)

In „Patris corde” gibt der Papst auch eine persönliche Lebensgewohnheit preis: Seit mehr als vierzig Jahren bete er jeden Tag nach den Laudes ein Gebet zum heiligen Josef. Dieses Gebet stammt aus einem französischen Andachtsbuch der Kongregation der Barmherzigen Schwestern von Jesus und Maria aus dem 19. Jahrhundert. Das Gebet bringe dem heiligen Josef Verehrung und Vertrauen entgegen, fordere ihn aber auch ein wenig heraus, so der Papst; denn es heißt dort: „Heiliger Josef, glorreicher Patriarch, der du das Unmögliche möglich machen kannst, komm mir in meiner Not und Bedrängnis zu Hilfe. Gewähre in den ernsten und schwierigen Anliegen, die ich dir anvertraue, deinen Schutz, sodass alles ein glückliches Ende nimmt. Mein geliebter Vater, ich setze mein ganzes Vertrauen in dich. Niemand soll sagen können, er habe dich vergeblich angerufen, und da du bei Jesus und Maria alles erwirken kannst, lass mich erfahren, dass deine Güte ebenso groß ist wie deine Macht. Amen.“

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

 

Pfarrnachrichten 10/21 (B)

Jean Jouvenet: Les marchands chassés du Temple (1706)

Die Vertreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem wird von allen vier Evangelisten erzählt. Zugleich ist es einmalig, wie der sonst eher besonnen agierende Jesus nun auftritt (vgl. Joh 2,13-25): „Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.

Vermutlich hat Jesus mit seiner Aktion nicht viel ausgerichtet. Am nächsten Tag, vielleicht schon nach wenigen Stunden, waren die Händler wieder am angestammten Platz, ohne dass Jesus erneut eingriff. Es war also eine „prophetische“ Aktion.

Jesus wurde nicht zurückgehalten. In seinem Eifer ließ man ihn gewähren. Die schräge Situation im Tempel war ja auch hinreichend bekannt: Ein geschäftsträchtiger Opferbetrieb und eine Priesterschaft, die mit den Römern paktierte. Jesus wurde allerdings zur Rede gestellt: „Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst?“ Die Juden fragen nach den Gründen, die ein solchen Eingriff in den Tempelbetrieb legitimieren.

Jesu Antwort verstehen selbst seine Jünger erst nach der Auferstehung: „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“ Jesus meinte den Tempel seines Leibes.

Jesus stellt mit seiner Aktion den bisherigen Tempelkult als solchen in Frage! Deshalb sagt er: „Reißt diesen Tempel nieder.“ Dieser Tempel ist nicht mehr notwendig. Dieser Tempel steht für eine Gottesverehrung, die mit ihm, dem Menschensohn, nun zu Ende geht.

Für die Juden war Gott im Tempel gegenwärtig. Er allein war dem einen und einzigen Gott geweiht. Damit war der Jerusalemer Tempel der einzige Ort, wo man Gott nahekommen konnte. Für die Juden gab und gibt es nur diesen einen Tempel: den in Jerusalem. Die Synagogen überall im Land waren keine Tempel, sondern nur Versammlungs-, Lehr- und Gebetshäuser.

Im Gegensatz dazu waren viele antike Städte voll von Tempeln für die verschiedenen Götter. Noch heute kann man das in den Ruinen sehen. Demgegenüber der eine Tempel in Jerusalem in Stein gewordenes Bekenntnis der Juden zu dem „Einen Gott“.

Bald hatte sich um dieses im Stein sichtbare Bekenntnis ein geschäftsträchtiger Opferbetrieb angesiedelt. Aufwendige Wallfahrten und eine äußerliche Pracht des jüdischen Gottesdienstes verdunkelten das ursprüngliche Anliegen. In klarer Abgrenzung davon beansprucht Jesus eine neue Art der Gottesverehrung, die in seiner Person gipfelt. Nicht mehr im Tempel, sondern in ihm, dem „Sohn Gottes“, ist fortan Gott zu finden!

Von nun an soll Religion nicht mehr allein um Kult und Gesetz kreisen. Nun soll sie vorrangig in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Sinn und Fülle finden. Dies stellt vor allem das Johannes-Evangelium immer wieder heraus. Die überlieferte, äußerliche und vom Tun des Menschen bestimmte Religiosität ist damit Geschichte.

Darum sagt Jesus sagen: „Reißt diesen Tempel nieder!“ Er wird nicht mehr gebraucht. Von nun an gilt: „betet Gott im Geist und in der Wahrheit an“ (vgl. Johannes-Evangelium 4,23): Vor allem also in einer bestimmten inneren Haltung und nicht mehr ausschließlich an einem einzigen, bestimmten „heiligen Ort“ hier auf Erden. Sondern überall.

Jesus selbst, der Auferstandene, ist der neue Tempel, der „in drei Tagen wieder aufgerichtet wird“. Verstanden habe das seine Jünger erst nach Tod und Auferstehung des Herrn. Dann „erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte“. Dann verstanden sie, was Jesus mit diesem Wort gemeint hat.

Die frühe Kirche hat diesen „Abschied vom Tempel“ sehr ernst genommen. Sie brachte keine Opfer mehr dar wie im jüdischen Tempelkult, und sie baute keine Tempel, sondern lediglich Versammlungshäuser für die Gemeinde. Die „Kirchen“ der Christen hatten schon rein baulich keinerlei Ähnlichkeit mit Tempeln; weder mit dem der Juden, noch mit denen der Griechen, Römer oder anderer Kulturen. Ihr Stil der „Basilika“ nahm sich völlig profane Gebäude zum Vorbild: die Rats- und Gerichtshallen, die der Volksversammlung dienten!

Die Gemeinde selbst verstand sich als „Leib Christi“ und „Tempel des Heiligen Geistes“. Der neue Tempel ist ein Bau aus lebendigen Steinen! Mitten in der profanen Welt! So gesehen, wird Jesu „Tempelreinigung“ zur Anfrage auch an uns, an unsere Art der Gottesverehrung und Gottesbegegnung mitten in der Welt und im Alltag. Das schließt nicht aus, sondern ganz und gar mit ein, dass wir weiterhin auf Kirchorte angewiesen bleiben, wo Gott weiterhin, nun im Tabernakel besonders gegenwärtig und zu finden ist.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 09/21 (B)

Wie Abrahams Sohn trägt auch Gottes Sohne das Opfer-Holz auf dem Rücken den Berg empor.

A B R A H A M S   O P F E R   H E U T E

Die erste Lesung des zweiten Fastensonntags mutet Ungeheuerliches zu. Die Verse dieser Perikope (Gen 22,1-18) gehören mit zu den schwierigsten in der Bibel.

Abraham und seiner Frau Sara waren kinderlos geblieben. Altersbedingt war Sara schon länger in Umständen, die ein Kind ausschlossen. Die Verheißung Gottes an Abraham, soviel Nachkommen zu haben, wie Sterne am Himmel, schien dahin. Mit der unerwarteten Geburt Isaaks erfüllte sich Gottes Verheißung dann doch. Alles hatte sich zum Guten gewendet!

Dann aber „stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sagte: Hier bin ich. Er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Ísaak, geh in das Land Moríja und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar!“ Den einzigen Sohn, den Abraham über alles liebte, den Hoffnungsträger und die alleinige Zukunft der Familie sollte Abraham jetzt opfern.

Als Abraham seine Hand zum Messer ausstreckte, um seinen Sohn zu schlachten, gebot der Engel des Herrn dem Abraham überraschend Einhalt: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten.“ Abraham muss seinen Sohn nun doch nicht opfern. Zur Rettung des Sohnes lässt Gott den Abraham einen Widder in unmittelbarer Nähe sehen, den er nun anstelle seines Sohnes opfert.

Daraufhin erneuert und bestätigt Gott seinen Bund und seine Verheißungen: „Weil du das getan hast und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen überaus zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand.“ Es war also „lediglich“ eine Prüfung, eine „Probe“.

Dennoch erregt das Anstoß. Obwohl auch diese Episode am Ende gut ausgeht, fragt man unwillkürlich: Was ist das für ein Gott, der einem Menschen solches zumutet und mit so etwas auf die Probe stellt? Ist das nicht grausam; zutiefst unmenschlich, gar „ungöttlich“? Auch wenn diese Prüfung dann doch nicht mit einem Menschenopfer endet?

Ich möchte im Folgenden fünf kurze Antworten auf diese Fragen geben. Eine erste finden wir in der Geschichte; bis heute. Damals waren Menschenopfer, unter anderem das Ofer der Erstgeburt, durchaus verbreitet. Schon allein deshalb war es für Abraham nicht völlig abwegig, Gott seinen Sohn zu opfern. Das war Bestandteil alter Kulturen, in denen er großgeworden war.

Nun aber wurde auf Gottes Anordnung das Opfer des Knaben zurückgewiesen und anstelle von Isaak ein Tier geopfert. Von da an sind Menschenopfer in Israel tabu. Andere Völker brachten noch Jahrhunderte später, die Azteken bis ins frühe 16 Jahrhundert Menschenopfer dar. Israel seit Abraham nicht mehr.

Gott will keine Menschenopfer. Gegen den ersten Augenschein ist genau das die erste Botschaft dieser biblischen Erzählung: Für Gott ist der Mensch so heilig, dass er nie geopfert werden darf. – Hier nun sind wir gefragt. Wie halten wir es damit in unserer scheinbar aufgeklärten und zivilisierten Welt von heute?

Leider sind „Menschenopfer“ weiterhin Realität. Etwa in den Kriegen des 20. Jahrhunderts. Unzählige – insbesondere Väter – haben stolz ihre Söhne in den Krieg und damit in den Heldentod ziehen lassen. Sie fühlten ähnlich wie Abraham. Nun aber säkularisiert. Sie haben ihre Söhne nicht mehr Gott, sondern der eigenen Nation geopfert. Dazu sagt die Bibel eindeutig: Gott will das nicht!

Bis heute begehen Menschen aus scheinbar religiösen Motiven Selbstmord-Attentate und halten sich für Märtyrer. Auch dazu sagt die Bibel: Gott will das nicht!

Aus meiner Kindheit und Jugend erinnere ich mich noch sehr gut an einige wenige Gleichaltrige mit mongoloiden Zügen. Es sind statistisch exakt 0,2 Prozent aller gezeugten Kinder, die eine der vier möglichen Varianten von „Trisomie“ haben. Damals haben wir mitbekommen, wie diese Kinder uns alle zu Fürsorge und Zuneigung gegenüber Benachteiligten inspiriert und gefördert haben. Man sieht diese Kinder heute aber nicht mehr, weil 96% von ihnen vor ihrer Geburt irgendeiner gesamtgesellschaftlichen Gesundheit geopfert und als Abfall entsorgt werden. Auch dazu sagt die Bibel: Gott will das nicht!

Ähnlich ergeht es den anderen Ungeborenen, die vor ihrer Geburt einer angeblich höherwertigen Lebensplanung geopfert und ebenfalls entsorgt werden. In den Jahren 2017-2019 waren es bundesweit jährlich über 100.000 Ungeborene, die durch den sogenannten „Schwangerschaftsabbruch“ nie das Licht der Welt erblickt haben. Auch dazu sagt die Bibel: Gott will das nicht!

Demgegenüber fordert die Geschichte vom Opfer des eigenen Sohnes durch den greisen Abraham auf der anderen Seite dazu auf, die eigenen Kinder loszulassen. Das ist das zweite; was Gott nun ausdrücklich will.

Jeder Vater, jede Mutter muss irgendwann den eigenen Sohn, die eigene Tochter „hergeben“: Wenn die Kinder heranwachsen und ihr eigenes Leben führen wollen. Es fällt schwer, Kinder loszulassen! Es ist oft über Jahre ein Ringen um den richtigen Weg, um die „goldene Mitte“.

Manche Eltern „klammern“ oder setzen ihre Kinder unter Druck, wenn sie eigene Wege gehen wollen oder den elterlichen Wunschvorstellungen nicht entsprechen. Andere machen es sich zu einfach. Sie lassen ihre Kinder im Stich, wo sie auf elterliche Führung weiterhin angewiesen sind. Das ist die andere Seite des Opfers, um das Gott uns bittet, ähnlich bis zum Äußersten wie damals Abraham.

Im Opfer des Isaak signalisiert Gott dem Abraham zunächst: Dein Sohn ist ein Geschenk, aber er wird dadurch nicht dein Eigentum! Er gehört dir nicht. Du musst ihn freigeben. Dann bekommt Abraham seinen Sohn zurück, jedoch erst nachdem er ihn hergegeben und gerade nicht festgehalten hat.

So ist es bis heute: Eltern, die ihre Kinder unbedacht und ohne Opferbereitschaft festhalten, verlieren sie meist erst recht. Die Kinder müssen sich mit Gewalt befreien und gehen dann im Unfrieden. Lässt man sie aber im rechten Augenblick frei, bleibt zumindest ein gutes Verhältnis. Kinder gehen dann weg; aber sie kommen auch wieder. Nach einer gewissen Zeit entdecken sie neu, was sie ihren Eltern verdanken. Vor allem dann, wenn Eltern bis zum Äußersten zur notwendigen Begleitung und zugleich zur größtmöglichen Freiheit bereit sind.

Die letzten drei Antworten sind zunehmend religiös. – So wiederholt sich die „Glaubensprobe“ des Abraham bis heute auch bei uns: bei Schicksalsschlägen oder durchkreuzten Lebensplänen bis hin beim Sterben lieber Menschen.

Manche Eltern verlieren tatsächlich ein Kind. Das gehört zu den tragischsten Verlusten überhaupt. All das stellt den Glauben auf die Probe, ja erschüttern ihn.

Die schicksalhafte Geschichte Abrahams und Isaaks bestärkt darin, dass am Ende Gott alles zum Guten lenkt. Das tröstet, macht Hoffnung und schenkt in der Prüfung Mut. Man fühlt sich Schicksalsschläge nicht länger ohnmächtig ausgeliefert und wie blind ergeben. Man vermag ihnen einen Sinn abzugewinnen und sie als „Prüfung“, als positive Herausforderung anzunehmen, an denen man wachsen kann. Allein dieser andere Blickwinkel macht schon viel aus.

Das gilt auch für den Tod, obwohl er endgültig ist. Paulus sagt mit Anspielung auf diese Geschichte etwas Eigentümliches: „Abraham glaubte dem Gott, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft“ (vgl. Römerbrief 4,17). Wir können im Glauben auch die Toten loslassen und in Gottes Hand geben. Denn Gott wird sie auferwecken und uns wieder mit ihnen vereinen. Am Ende lenkt Gott alles zu Guten – wenn nicht schon in dieser Welt, dann in der jenseitigen!

Die vierte Antwort nach dem Sinn dieser Geschichte und dem vermeintlich unmöglichen Gott lässt sich am besten als Frage formulieren. Nämlich: Wieviel ist mir Gott wert?

Bedeutet mir Gott wirklich mehr als alles? Bin ich bereit, für Gott wirklich alles loszulassen und herzugeben? Im Extremfall sogar das Leben, wenn mein Zeugnis für das grundlegend Wahre, Gute und Gerechte unumgänglich gefragt wäre?

Gott sei Dank wird nur wenigen so viel abverlangt. Wir wären dem vielleicht nicht gewachsen. Aber es gibt noch weitaus anderes, das wir auf jeden Fall hergeben müssen, wenn wir als Christen leben und am Ende überleben wollen. Lebenspläne etwa. Und zwar eigene, wenn sich unerwartet Wichtigeres ergibt, oder auch die, die wir für unsere Kinder ausdenken, wenn sie andere Wege gehen.

Und wie ist das mit dem eigenen Stolz, den irdischen Erfolgen, und dem Ansehen bei anderen? Abraham war bereit, für Gott alles aufzugeben. Wieviel bin ich bereit, für Gott aufzugeben?

Wäre ich bereit, für Gott und den einen wahren Glauben an ihn auch anspruchsvolle Konflikte zu wagen? Und notfalls auch meine gute Reputation dafür aufs Spiel zu setzen, wenn das notwendig werden sollte? Was ist mir Gott wert? Ist er für mich wirklich Gott, das heißt: mehr als alles?

Zuletzt noch eine fünfte Antwort auf die Frage nach dem Sinn dieser anspruchsvollen Opfergeschichte von Abraham und Isaak aus dem Alten Testament. Sie wurde bereits in urchristlicher Zeit von Jesu Leben, Sterben und Auferstehen her neu gelesen. Isaaks Opfergang wird dann zum Voraus-bild von Jesu Kreuzweg. Und was Gott von Abraham am Ende doch nicht verlangt hat, das gibt er uns in seinem Sohn, der wie Isaak das Opferholz den Berg empor trägt. Dort teilt er unser Schicksal von Tod und Leiden und nimmt dabei unsere Schuld auf sich. „Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin“, beten wir in der Osternacht.

Auch hier lenkt Gott am Ende alles zum Guten. Jesu Sterben bringt Segen und Heil. Seine Auferstehung öffnet den Himmel und damit den Zugang zum göttlichen Leben.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 08/21 (B)

Am ersten Sonntag in der Fastenzeit wird traditionsgemäß der Fastenhirtenbrief unseres Erzbischofs verlesen; jüngst sogar per Videobotschaft eingespielt. Er liegt dann auch in der Kirche aus.

So möchte ich Ihnen in diesem Pfarrbrief die aufschlussreichen Erläuterungen unseres emeritierten Papst Benedikt zum Aschenkreuz weitergeben, die er einmal in einer Aschermittwoch-Predigt zu Beginn der Fastenzeit vorgetragen hat.

Das stoffliche Symbol und Naturelement „Asche“, so der emeritierte Papst Benedikt, sei bereits in der jüdischen Kultur Zeichen der Buße gewesen. In der Aschermittwochsliturgie, an dem Tag, an dem die österliche Bußzeit beginnt, werde sie zu einem nicht-sakramentalen, heiligen Zeichen mit einer hohen Bedeutung. Es trage den Kosmos in die Liturgie und verweise auf den Schöpfungsbericht, nach dem Gott den Menschen aus Erde vom Ackerboden formte.

Das Symbol der Asche „führt also zurück zu jenem großen Fresko der Schöpfung, von der gesagt wird, dass in ihr der Mensch eine einzigartige Einheit von Materie und göttlichem Hauch ist, und zwar im Bild des Staubes der Erde, der von Gott geformt und belebt wird durch seinen Atem, den er dem neuen Geschöpf durch die Nasenflügel einhaucht.“

Durch die Sünde erfahre im Buch Genesis das Symbol des Staubes eine negative Wandlung. Vor dem Sündenfall wird der Ackerboden als vollkommen gute Kraft beschreiben: Getränkt durch eine Wasserquelle ist er in der Lage, Bäume mit köstlichen Früchten wachsen zu lassen. Nach dem Sündenfall ist er verflucht: Er bringt nun Dornen und Disteln hervor, und nur unter Schmerzen und im Schweiße des Angesichts gewährt er dem Menschen gute Früchte. Durch diese Wandlung sei der Staub der Erde zum Zeichen des unausweichlichen Todes geworden und erinnere nicht mehr an das Schöpfungshandeln Gottes.

Die Verfluchung des Ackerbodens habe für den Mensch allerdings die Funktion einer Arznei, erklärte Papst Benedikt, wobei er den Hl. Johannes Chrysostomos zitierte. Durch den „Widerstand“ der Erde werde dem Menschen geholfen, innerhalb seiner Grenzen zu bleiben und die eigene Natur anzuerkennen. Die Verfluchung des Ackerbodens habe „medizinische Funktion“ und zeige, dass Gottes Absichten immer gut sind. Gott müsse den Menschen strafen, weil er die Freiheit des Menschen und ihre Konsequenzen respektiere, auch wenn sie negativ seien. Aber Gott zeige zusammen mit der gerechten Strafe auch den Weg des Heils auf. Dieser Weg zum Heil führe durch die Erde, durch den Staub und durch jenes Fleisch, das das Wort annehmen werde. Die Einladung zur Buße und zum Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit führe den Menschen nicht in Verzweiflung, sondern zur Annahme der unvorstellbaren Nähe Gottes, „der jenseits des Todes den Weg zur Auferstehung und zum endlich wiedergefundenen Paradies eröffnet.“

„Jener Gott, der die Ureltern aus Eden vertrieben hat, hat seinen eigenen Sohn in die von der Sünde zerstörte Welt gesandt und hat ihn nicht geschont, auf dass wir verlorenen Söhne geläutert und erlöst durch seine Barmherzigkeit heimkehren können in unsere wahre Heimat“, schloss der Papst seine Ansprache und wünschte dies allen Menschen, die sich demütig als des Heils Bedürftige erkennen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 07/21 (B)

Im Tagesgebet betet die Kirche an diesem Sonntag: „Gott, du liebst deine Geschöpfe, und es ist deine Freude, bei den Menschen zu wohnen. Gib uns ein neues und reines Herz, das bereit ist, dich aufzunehmen.“

Dies weckt Assoziationen zu dem alttestamentlichen Versprechen Gottes: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.“ (Ezechiel, 36,26) Im Tagesgebet dieses Sonntags wird die Bitte um ein „neues und reines Herz“ nun ausdrücklich in einen engen Zusammenhang damit gebracht, dass Gott seine Geschöpfe liebt und mit Freude „bei den Menschen“ wohnt. Er ist also nicht nur der Gott, der ein neues und reines Herz gibt, sondern darüber hinaus das Herz mit seiner Gegenwart erfreut.

Mit dem „Herz von Fleisch“ ist ein Herz gemeint, das der Größe und Würde des Menschen entspricht. Das „Herz aus Stein“ hingegen ist das alte Herz, das wie ’versteinert’ ist, weil es auf sich selber bezogen bleibt. Wer beim Alten bleibt und seinem “Herzen aus Stein“ den Vorzug gibt – selbstherrlich und bequem –, der wird zum Sklaven seiner selbst und damit unfrei.

Wer sein „Herz aus Stein“ behalten möchte, der entscheidet sich damit zugleich für ein Leben ohne Gott. Und er bleibt dann auch ohne diesen Gott, der niemanden zu seinem Glück zwingt. Ohne Gott jedoch bleibt jeder Mensch unweigerlich sich selber und einer schließlich unbeugsamen und unbarmherzigen Eigenliebe verhaftet. Genau das ist wohl der Zusammenhang, um den es hier geht, und der im Tagesgebet dieses Sonntags beleuchtet wird.

Es ist eine anthropologische Grundwahrheit, dass niemand aus eigener Kraft sich aus einer widersinnigen Ichbezogenheit zu lösen vermag, die raffiniert und „klug wie die Schlange“ den Menschen über sich selber immer wieder stolpern lässt und am Ende zu Fall bringt. Das ‚alte Herz’ ist schließlich doch immer stärker als man selber. Aus dieser Ichbezogenheit, die verfänglich und erniedrigend in jedem schlummert, vermag nur Gott zu befreien. Das ist Erlösung, wie christlicher Glaube sie verkündet.

Ohne Gott bleibt dem Menschen keine andere Wahl, als die Ichbezogenheit als vermeintlich eigentliches Lebensziel zu erproben, obwohl das gegen seine Natur und sein Wesen geht. Er spürt den inneren Zwiespalt, vermag diese Widersprüchlichkeit aus eigener Kraft aber nicht aufzulösen.

Menschen mit einem ‚alten und unreinen Herzen’ sind also solche, die nicht wollen, dass Gott sie erlöst und verwandelt. Sie wollen nicht, dass Gott in ihnen wohne. Sie ziehen es vor, ganz nach eigener Vorstellung sie selbst zu bleiben. Damit manövrieren sie sich in einen inneren Zweispalt, der sich im Widerspruch zum eigenen Wesen verfestigt und zunehmend unbeweglich macht. So sind sie unweigerlich der eigenen Vergänglichen, am Ende der Macht des Todes und den dunklen Mächten ausgeliefert.

Eine ganz andere Lebenshaltung kommt zum Ausdruck in dem abgebildeten Zettel, der klein zusammengefaltet unter Fotos im Nachlass von Bernhardine Willemsen gefunden wurde.

Er enthält auf der abgebildeten Vorderseite die folgende päpstliche Bestimmung zur Erlangung eines vollkommenen Ablasses bei Fliegerangriffen aus der Zeit des zweiten Weltkrieges: "Vollkommener Ablaß zur Zeit eines feindlichen Fliegerangriffes. Der Hl. Vater hat allen Gläubigen, deren Wohnort von feindlichen Fliegern angegriffen wird, einen vollkommenen Ablaß bewilligt, wenn sie während des Angriffes 1) einen Akt wahrer Gottesliebe und vollkommener Reue über ihre Sünden erwecken (etwa mit den Worten: Dich liebt o Gott mein ganzes Herz, und dies ist mir der größte Schmerz, daß ich erzürnt dich höchstes Gut, ach wasch mich rein in deinem Blut!) 2) andächtig das Stoßgebet verrichten: Mein Jesus, Barmherzigkeit!"

Ich wünsche Ihnen die göttliche Gabe eines reinen Herzens!

Pfarrer Dr. phil. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 06/21 (B)

„Anwaltliches Gutachten“ spricht Kardinal Woelki frei

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Nach einigem Überlegen halte ich es in der aktuellen Lage für gerechtfertigt, an Stelle der sonst üblichen, eher frommen und kirchentreuen Darlegung der sonntäglichen Bibellesungen, an dieser Stelle ausnahmsweise auch einmal den laizistischen und kirchenfernen „Spiegel“ zu kommentieren.

Thomas Fischer, geboren 1953 in Werdohl (NRW), ehem. Vorsitzender Richter am 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs, ist Autor des Standard-Kommentars zum Strafgesetzbuch und Verfasser zahlreicher Kolumnen im „Spiegel“, in denen er sich mit Fragen des Strafrechts beschäftigt. Mit seinem Beitrag vom 05.02.2021 hat er dem Kölner Erzbischof unaufgefordert ein Rechtsgutachten beschert. Es ist überschrieben mit „Absolute Absolution“. Diese gilt Kardinal Woelki.

Der Spiegel-Autor verortet seine „gutachterliche“ Kolumne – der Linie seiner Zeitschrift getreu – in einer teils weltfremden Realitäts-Wahrnehmung, die er einschlägigen christlichen Zeitschriften und Online-Portalen wie auch einer „publizistischen Laienschar“ attestiert, zu der für ihn wohl auch einige katholische Räte und Kleriker zählen dürften.

Im Folgenden beschränkt sich der Autor auf „ein paar Bemerkungen zum strafrechtlichen Teil des (veröffentlichten) Gutachtens (der Münchener Kanzlei) für das Bistum Aachen, das insoweit möglicherweise vom Kölner Gutachten (was Kardinal Woelki erst mit dem neuen Gutachten ab dem 18. März veröffentlichen möchte) nicht sehr verschieden ist.“ Über den veröffentlichten strafrechtlichen Teil des Aachener Gutachtens urteilt Thomas Fischer: „Er erscheint mir suboptimal.“

Die Defizite werden dann einzeln aufgearbeitet. Von dieser Grundlage her übt der "Spiegel"-Autor dann auch an Protagonisten Kritik, die wiederholt mit vehementer Polemik den Rücktritt des Erzbischofs forderten. Wörtlich schreibt er: "Wir bewegen uns damit einmal mehr auf der Kreisbahn öffentlicher Vorurteile und Empörungsverlautbarungen, auf der zwischen der Behauptung, irgendetwas sei möglicherweise passiert, der Feststellung, der 'Druck nehme zu', und der Forderung, irgendjemand müsse von irgendetwas 'zurücktreten' in der Regel nicht mehr als zehn Tage vergehen."

Wie ist das in Köln gelaufen? Richtig begonnen hat es mit der inzwischen weitgehend entkräfteten Behauptung des Münsteraner Kirchenrechtsprofessors Thomas Schüller, wie sie durch den Stadtanzeiger vom 11. Dezember 2020 – und das dann sofort mehrfach wiederholt – verbreitet wurde: „Es nützt Woelki nichts … auf Zeit zu spielen. … Ein Rücktritt sei ‚nach Aktenlage unausweichlich‘“. Damit war der Köder ausgelegt und das notwendige Tempo der folgenden Inszenierung vorgegeben. Einer nach dem anderen hat angebissen und sich mit ins Boot ziehen lassen. Damit konnte wochenlang geliefert werden, was wie ein Skandal aussah.

Nach diesem, den derzeitigen Stand aufklärenden Sachverhalt, ist die Welt kurz vor Karneval zumindest in zwei Angelegenheiten wieder vom Kopf auf die Füße gestellt: Köln hat – zudem ohne zusätzliche Anwaltskosten – Schritt für Schritt nun auch seinen Kardinal wieder. Und der Spiegel hat die Lokalpresse unterhaltsam, aber zugleich deutlich in ihre Schranken gewiesen und wie nebenbei ein Hoheitsrecht für eine Skandalberichterstattung beansprucht, die trotz mancher Schlappen in den vergangenen Jahren nicht – wie die von einer Lokalpresse bemühten – am Ende in sich kollabiert.

Damit können wir als Kölner nun auch im Corona-Jahr erst einmal unbeschwert singen: Kumm, loss mer fiere, nit lamentiere. Nach Karneval beginnt mit Aschermittwoch allerdings die Fastenzeit. Es täte uns allen, und den Kölner Katholiken nach diesem Schlagabtausch insbesondere, sehr gut, umzukehren und Buße zu tun. Denn in einer seit dem 4. Februar auf der Plattform „OpenPetition“ online gestellten Petition („Wir sprechen Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki das Vertrauen aus“) schreibt ein Opfer: „Nachdem ich traumatische Erfahrungen in der Kirche gemacht habe, wurde mir im Bistum Köln von der Bistumsleitung sehr persönlich und dauerhaft geholfen. Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich dadurch meinen Glauben nicht verloren habe, sondern dass der Glaube mir hilft, Frieden zu finden und zu vergeben. Ich möchte nicht für Richtungskämpfe zwischen Konservativen und Progressiven missbraucht werden.“

Eine andere, wie die erste ebenfalls unterstützenswerte Initiative, setzt sich nach eigenen Angaben "für Recht und Gerechtigkeit, Fairness und einen respektvollen Umgang miteinander in unserer Kirche" ein.

Schon jetz lade ich ein zu einem vorwiegend von jungen Leuten organisierten Rosenkranzgebets-Abend am Aschermittwoch, dem 17. Februar um 21:00 Uhr über Zoom. Den jungen Initiatoren geht es um ein gemeinsames Gebet zur Unterstützung für unseren Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki und für alle Menschen, die in der Kirche sexuelle Gewalt erfahren haben. All diese jungen Christen betonen einmütig, dass sie ihrem Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki vertrauen, dass er die Fälle sexuellem Missbrauchs im Erzbistum Köln aufklären wird. Ihnen geht es nicht um eine öffentliche Stellungnahme, sondern um die Kraft des Gebetes: Für den Erzbischof von Köln, um Hilfe und Stärkung für seine wichtige Aufgabe. Zusätzlich ist es möglich, einen gemeinsamen Brief an Kardinal Woelki zu unterschreiben.

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 05/21 (B)

In den Heiligen Schriften spricht Gott zu uns

Auf Wunsch von Papst Franziskus begeht die Kirche möglichst nah zum Beginn des Jahreskreises den „Sonntag des Wortes Gottes“. In diesem Jahr fällt er auf den 31. Januar 2021.

Die Nähe zu Weihnachten unterstreicht die Bedeutung dieses neu eingeführten „Sonntag des Wortes Gottes“. Weihnachten feiern wir, dass das Wort Fleisch geworden ist. Mit dem „Sonntag des Wortes Gottes“ steht nun das Wort des lebendigen Gottes relativ am Anfang des neuen Jahres wie eine weitere Einladung da: sich selber mit seinem Tun und Denken dem erlösenden Wort Gottes anzuvertrauen; und sich unter das Wort Gottes zu stellen, um aus ihm als Quelle des Lebens zu schöpfen.

Dazu hat die Kongregation für den Gottesdienst … eine „Note zum Sonntag des Wortes Gottes“ veröffentlicht, aus der wir im Folgenden von insgesamt 10 die ersten 5 Absätze zitieren.

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Der Sonntag des Wortes Gottes, … erinnert alle … an die Bedeutung und den Wert der Heiligen Schrift für das christliche Leben, wie auch an die Beziehung zwischen dem Wort Gottes und der Liturgie: „Als Christen sind wir ein Volk, das in der Geschichte unterwegs ist, gestärkt durch die Gegenwart des Herrn in unserer Mitte. Er spricht zu uns und er nährt uns. Der der Bibel gewidmete Tag soll nicht »einmal im Jahr«, sondern einmal für das ganze Jahr stattfinden. Wir verspüren nämlich die dringende Notwendigkeit, uns mit der Heiligen Schrift und dem Auferstandenen eng vertraut zu machen. Der Auferstandene jedenfalls hört nie auf, das Wort und das Brot in der Gemeinschaft der Gläubigen zu brechen. So müssen wir zu einer ständigen Vertrautheit mit der Heiligen Schrift gelangen. Sonst bleibt das Herz kalt und die Augen verschlossen, da wir, wie wir nun einmal sind, von unzähligen Formen der Blindheit betroffen sind.“

Dieser Sonntag ist daher eine gute Gelegenheit, einige kirchliche Dokumente … neu zu lesen, die … in jeder … liturgischen Feier …gelten.

1. Durch die biblischen Lesungen, … spricht Gott zu seinem Volk und Christus selbst verkündet sein Evangelium. Christus ist die Mitte und die Fülle der ganzen Schrift, des Alten und Neuen Testaments. Das Hören des Evangeliums, der Höhepunkt des Wortgottesdienstes, ist von einer besonderen Verehrung geprägt, die nicht nur durch Gesten und Akklamationen, sondern durch das Buch mit den Evangelien selbst zum Ausdruck kommt. Eine der rituellen Gestaltungsformen, die für diesen Sonntag geeignet sind, könnte die Einzugsprozession mit dem Evangeliar sein oder … seine Platzierung auf dem Altar.

2. Die Ordnung der biblischen Lesungen, die die Kirche im Lektionar zusammengestellt hat, eröffnet den Weg zur Erkenntnis des ganzen Wortes Gottes. Deshalb ist es notwendig, die angegebenen Lesungen zu berücksichtigen, ohne sie zu ersetzen oder zu streichen, und die für den liturgischen Gebrauch zugelassenen Versionen der Bibel zu verwenden. Die Verkündigung der Texte des Lektionars bildet ein Band der Einheit unter allen Gläubigen, die sie hören. Ein Verständnis der Struktur und des Sinns des Wortgottesdienstes hilft der Versammlung der Gläubigen, von Gott das Wort zu empfangen, das rettet.

3. Empfohlen wird das Singen des Antwortpsalms als Antwort der betenden Kirche; deshalb sollte der Dienst des Psalmisten(Kantors)in jeder Gemeinde verstärkt werden.

4. In der Homilie werden, dem Lauf des liturgischen Jahres folgend und ausgehend von den biblischen Lesungen, die Geheimnisse des Glaubens und die Grundsätze des christlichen Lebens dargelegt. „Die Hirten haben in erster Linie die große Verantwortung, die Heilige Schrift zu erklären und jedem zu ermöglichen, sie zu verstehen. Da sie das Buch des Volkes ist, müssen alle, die zum Dienst am Wort Gottes berufen sind, die dringende Notwendigkeit spüren, ihrer Gemeinschaft einen Zugang zur Heiligen Schrift zu eröffnen“. Die Bischöfe, Priester und Diakone müssen sich verpflichtet fühlen, diesen Dienst mit besonderer Hingabe auszuüben und sich dabei der von der Kirche angebotenen Mittel bedienen.

5. Besondere Bedeutung wird der Stille beigemessen, die … es ermöglicht, dass das Wort Gottes vom Zuhörer innerlich angenommen wird. …

 

Pfarrnachrichten 04/21 (B)

Berufung der Apostel - Ravenna

Der Prophet Jona, so erfahren wir in der ersten Lesung aus dem gleichnamigen alttestamentlichen Buch, „ging nach Ninive, wie der Herr es ihm befohlen hatte“. Ninive war eine Stadt allergrößten Ausmaßes. „Man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren“, erfahren wir.

Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus, und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an. Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus.

Ähnliches, aber zugleich deutlich anders akzentuiert, ereignet sich nach Markus, der im ersten Kapitel seines Evangeliums (Kap. 1, Vers 14f) folgendes berichtet: „Nachdem man Johannes den Täufer ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“

Diese zeitliche Abfolge vom Täufer hin zu Jesus drückt schon in der Erzählweise aus, dass die Zeit der Verheißungen abgeschlossen ist. Mit Jesus und seinem Wort sind Gottes Reich und Gottes Heil nun endlich auf Erden angekommen. Zugleich wird angedeutet – was später durch das Martyrium des Täufers offenbar wird –, dass damit nun nicht alle Mühen und Schwierigkeiten überwunden sind. Das lässt sich im Einzelnen wie folgt weiter aufschlüsseln.

Zuerst berichtet Markus in Vers 14, Kapitel 1 (s.o.), dass Jesus „das Evangelium Gottes verkündete“. Diesen Ausdruck „Evangelium Gottes“ verwendet dann später der heilige Paulus (Röm 1,1; 2 Kor 11,7 usw.) gleichbedeutend mit „Evangelium Christi“ (vgl. Phil 1,27; 2 Kor 2,12 usw.). Damit verweist Paulus auf die freudige Neuheit, die mit Jesus anbricht: das Reich Gottes nämlich. Und der Heilige Hieronymus bemerkt dazu in seinem Markus-Kommentar (Commentarium in Marcum 2): „Soweit ich mich erinnere, habe ich nie beim Lesen des Gesetzes, der Propheten oder der Psalmen vom Himmelreich reden gehört; nur beim Lesen des Evangeliums. Das Reich Gottes hat sich erst nach dem Kommen dessen eröffnet, der sagte: Das Reich Gottes ist in euch“.

Im darauffolgenden Vers 15 berichtet Markus dann (s.o.), dass die Teilhabe an diesem Reich eine innere Bekehrung verlangt. Sie ist unverzichtbare Voraussetzung; denn nur durch Bekehrung wird Raum für etwas Neues geschaffen. Erst die Bekehrung führt zur Bereitschaft, von Gott etwas Neues zu empfangen.

Dies hat der Heilige Papst Johannes Paul II in seinem apostolisches Schreibe Rosarium Virginis Mariae, Nr. 13 vom 16. Oktober 2002 einmal so auf den Punkt gebracht: „Jesus verkündet das Kommen des Reiches Gottes und lädt zur Umkehr ein (vgl. Mk 1,15); er vergibt die Sünden jener, die sich ihm mit demütigem Glauben nahen (vgl. Mk 2,3-13; Lk 7,47f) und beginnt so den Dienst der Barmherzigkeit, den er bis zum Ende der Welt fortführen wird, vor allem durch das Sakrament der Versöhnung, das er der Kirche anvertraut hat.“

Es ist segensreich, das immer wieder neu zu bedenken.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 02/21 (B)

Anbetung - die drei Heiligen Könige - Albrecht Dürer

Mit Weihnachten und Silvester ist ein außergewöhnliches Jahr zu Ende gegangen. Nach dem eher harmlosen Verlauf der angekündigten Gesundheitsrisiken im Frühjahr ist die Situation vor und nach Weihnachten und bis auf Weiteres nun doch spürbar anders. Vielleicht inspiriert es, erneut auf das Wesentliche zu schauen. Auf das, was wirklich entscheidend im Leben ist.

Gott ist Mensch geworden. Damit hat er uns sein Wort gegeben: Ein besonderes und einzigartiges Wort, das Fleisch wurde. So drückt es die Hl. Schrift anschaulich und konkret aus. Gott hätte alles auch anders machen können. Hat er aber nicht. Wohl aus gutem Grund.

So hat sich Gott mit uns Menschen erneut, jetzt sogar unübertreffbar verbunden. Das war in gewisser Weise notwendig, aus Gründen die wir nur Schritt für Schritt begreifen und nachvollziehen können.

Die erste Verbundenheit mit Gott haben wir Menschen schon am Schöpfungsmorgen durchbrochen. So hat Gott durch seine Menschwerdung – eine Art Neuschöpfung – die Verbundenheit nicht nur wiederhergestellt, sondern wunderbar erneuert. Aber auch dieses zweite Mal hat Gott sich mit uns nicht verbündet, um nun gemeinsam mit uns allein nach unseren Vorstellungen zu leben.

Christ, erkenne deine Würde!“ So hat es Leo der Große (+ 461) in einer der wohl bekanntesten Weihnachtspredigten formuliert. Und er fährt fort: „Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden (vgl. 2 Petr, 1,4), kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde.

Unsere Kräfte reichen dafür aber nicht aus. Um fortan mit Gott zu leben, und nicht doch wieder in die „alte Erbärmlichkeit“ zurückzufallen, bedarf es der Erlösung und ihrer anhaltenden Vergegenwärtigung. Diese hat uns Gott im realen und heiligenden Vollzug seiner Menschwerdung bis in Kreuz und Auferstehung hinein geschenkt. Und er hält sie durch unser Mitwirken im Vollzug der Eucharistie gegenwärtig: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“.

Wäre dieser reale Vollzug und seine bleibende Vergegenwärtigung nicht notwendig, sondern überflüssig, hätte Gott sich darauf beschränkt, nur sein heilendes Wort vom Himmel aus zu sprechen. Hat er aber nicht. Und wir begreifen nur langsam, warum sein erlösendes Wort sich in den irdisch-menschlichen Vollzug der Heilung und Erlösung hineinbegeben hat.

Gott hat sich also entäußert, ist Mensch geworden. Und das bis in den Tod am Kreuz. Die Auferstehung am dritten Tag bringt das entscheidende Licht in alles. In der Feier der heiligen Geheimnisse ist all dies reale und uneingeschränkte Gegenwart.

Deshalb feiert die Kirche auch in krisen- und gesundheitskritischer Zeit Eucharistie. Sie ist systemrelevanter als alles andere. Das Verständnis dafür aus der Mitte des Glaubens ist Vielen derzeit fremd geworden. Leider. Aus der inneren Logik der hier nur skizzierten Zusammenhänge verliert dann auch die persönliche Beziehung zwischen Gott und den Menschen an Seriosität und Tiefgang; sie droht sich aufzulösen in ein dann eher soziologisches Gemeindedenken.

Unabhängig davon: Wann immer besondere Hilfe von oben nötig ist, bleibt diese an den Vollzug der Mysterien geknüpft. Davon kann sie nicht abgetrennt werden. Und so ist es nicht nur gut, sondern unverzichtbar, auch in der gegenwärtigen Krisenzeit an Präsenzgottesdiensten festzuhalten.

Darüber hinaus haben wir „durch unser Hygienekonzept anerkanntermaßen einen hohen Standard des Infektionsschutzes erreicht, der es uns ermöglicht, unsere Gottesdienste weiterhin verantwortet feiern zu können. Dies ist erst kürzlich seitens der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina bestätigt worden“, wie Generalvikar Dr. Markus Hofmann schreibt, „so dass wir im Erzbistum Köln bei allen berechtigten Vorsichtsmaßnahmen unser Gottesdienstangebot nicht einzuschränken brauchen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)