Pfarrnachrichten 26/2020 (A)

Michael Wolgemut - Das jüngste Gericht

Das Sonntagsevangelium (Mt 10, 26–33) beginnt mit der Aufforderung Jesu: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ Denn alles Verborgene werde irgendwann allen bekannt werden: „Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.

Es gehört zur christlichen Überzeugung, dass spätestens am letzten Tag, dem jüngsten Gericht, alles allen offenbar werde. Wörtlich steht dazu im Katechismus der Katholischen Kirche (1039): „Im Angesicht Christi, der die Wahrheit ist, wird die wahre Beziehung jedes Menschen zu Gott endgültig offengelegt werden. Das Letzte Gericht wird bis in die äußersten Folgen an den Tag bringen, was jeder während seines Erdenlebens an Gutem getan oder nicht getan hat.

Wenn ohnehin einmal alles allen bekannt wird, warum dann also über das schwiegen und es für sich behalten, wovon wir zutiefst überzeugt sind, was uns überaus wertvoll ist und uns erfüllt. So sagt dann Jesus auch am Ende des Sonntagsevangeliums (ibid. 32f): „Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

In unserer Gesellschaft ist es fast schon ein Tabu, über Religion oder gar über den christlichen Glauben zu sprechen. Es ging hier ja um höchst Intimes und ganz Privates. Also rede man in der Öffentlichkeit nicht über seine religiösen Überzeugungen.

Das stimmt so aber nicht. Denn wo Menschen aus der Kraft des Glaubens und der Gnade Gottes leben, wirkt sich das gewaltig auf das Zwischenmenschliche und meist sehr positiv auf die ganze Gesellschaft aus. Deshalb sind manche froh, und scheinen sogar nur darauf zu warten, wenn etwa in einer Diskussionsrunde jemand dieses Tabu bricht und seinen Glauben auch ganz persönlich ins Gespräch bringt. Und hat sich einer einmal überwunden, öffentlich zu seinem Glauben zu stehen, dann steht er oft gar nicht so alleine da, wie man denkt. Außerdem toleriert unsere Gesellschaft alle möglichen Verrücktheiten. Da darf man also auch Respekt vor dem eigenen Glauben einfordern!

Im Übrigen: auch Ungläubigen sind oft unsicher und ängstlich! Wenn sie gegen den christlichen Glauben spotten, verhüllen sie oft nur eigene Unsicherheit. Wer an nichts glaubt, kann sich seiner Meinung noch weniger sicher sein; denn vielleicht ist ja doch etwas dran an der Religion...

Andererseits gibt es auch im Glauben Augenblicke des Zweifelns, der Verzagtheit und des eigenen Versagens. So muss man etwa mangelnden Bekennermut auch erst einmal lernen anzunehmen! Es bleibt ein Wagnis, zu glauben. Und vordergründig gibt auch der Glaube keine letzte Sicherheit. Jeder Glaube nimmt vielmehr an Reife zu, wenn er durch Zweifeln geprüft wird. Diese bringt der Gläubige vor Gott. Und daran wächst er im Glauben.

Wenn angesichts solcher Widersprüche ein Gläubiger gelassen bleibt und seine Überzeugung ruhig vertritt, hilft er dem andern, hinter der Mauer seiner eigenen Angst oder Unsicherheit hervorzukommen. So findet der Ungläubige beim Gläubigen Verständnis für seine kritischen Fragen, und im Glauben zugleich klare Antworten. Dann kann ein echtes, ehrliches und von peinlichen Gefühlen freies Gespräch über den Glauben zustande kommen.

Am besten ist es, wenn der Ungläubige von sich aus nach dem Glauben fragt. Hier gilt nämlich eine bekannte Regel. Sie lautet: „Rede über deinen Glauben erst dann, wenn du gefragt wirst. – Aber lebe zugleich so, dass man dich nach deinem Glauben fragt!“

Genau dazu möchte ich Sie gerne ermutigen. Es gibt viele Suchende in unserer Gesellschaft. Haben wir ein waches Auge für die Chance, wenn wir einem von ihnen begegnen. Wir werden ihm unseren Glauben nahebringen: durch das, was und wie wir es leben, und wonach er uns dann fragen wird.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 25/2020 (A)

Die Berufung des Zöllners Matthäus

Das Evangelium von diesem Sonntag (11. Sonntag im Jahreskreis, Leseordnung A: Mt 9,36–10,8) erzählt die Berufung der Zwölf Apostel – wie die anderen Evangelien auch recht – bewusst sehr feierlich. Denn hier geschieht Großes. Die Zwölf sind durch Jesus von Gott selbst gerufen. Sie empfangen Vollmachten Gottes und damit verbunden den Auftrag, sein Reich zu verkünden und das Gottesreich in der ganzen Welt zu beheimaten.

Die Zahl „zwölf“ geht auf die 12 Stämme bzw. Stammväter Israels zurück: auf die 12 Söhne des Patriarchen Jakob. Die 12 Apostel sind nun das Fundament für das „neue Israel“, das Gott Vater durch seinen Sohn Jesus Christus für diese Welt jetzt endgültig bis zu ihrem Ende errichten will. Gott erneuert Israel von Grund auf und lässt es neu entstehen.

Die besondere Berufung der Apostel führt sie später in die ganze Welt hinaus. Noch heute kennen wir jeden Einzelnen mit Namen. Das sollte aber nicht dazu verleiten, die eigene Berufung und das Außergewöhnliche zu übersehen, das Gott jedem schenken möchte. Auch die Apostel waren nur gewöhnliche Menschen. Das Außergewöhnliche kam von Gott, und sie haben es angenommen und sich damit identifiziert.

Gottes „Ruf“ ergeht an jeden Menschen und er verleiht jedem äußerlich normalen und gewöhnlichen Leben eine Bedeutung, die mit Himmlischem erfüllt und entsprechend leben lässt: jetzt und dereinst.

Schon in uns als Mensch ist eine Berufung enthalten: Wer bin ich? Wozu bin ich auf der Welt? Was ist meine Aufgabe in dieser Welt? Worin finde ich Sinn und Erfüllung für mein Leben? Es sind Fragen nach dem ganz persönlichen Weg, der einem „auf den Leib geschneidert“ ist, der einem entspricht. Oft in Verbindung mit dem Wunsch, sehr ausgeprägt bei jungen Menschen oder auch in der Mitte des Lebens („Midlife-Crisis“), etwas Besonderes zustande zu bringen, damit das eigene Leben von Bedeutung ist.

Hier geht es um Berufung! Wenn ein Mensch ihr nachgeht, sich nicht einfach treiben lässt, sondern bewusste Entscheidungen trifft und seinen eigenen Weg sucht und ihn – am Ende mit Gottes Hilfe – findet: im Beruf, in der Familie, in seinen Engagements..., dann wird er „er selbst“. Er kommt in Einklang mit sich und seinem tiefsten Wesen. Er wird zufrieden und sein Leben als erfüllt empfinden.

Selbstverständlich hat das mit Gott zu tun! Er hat jeden Menschen einmalig, als ganz eigene Persönlichkeit erschaffen. Und jedem legt er einen Auftrag ins Herz, der einem ganz entspricht. Wer diesem Auftrag folgt, der wie ein „innerer Ruf“ ist, und das in eigener Verantwortung und zugleich vor Gott, verwirklicht einen einzigartig und unverwechselbar „Plan“, einen Auftrag Gottes und finde damit zugleich den Sinn seines Lebens.

Die Frage nach der eigenen „Berufung“ stellt sich dort, wo die Weichen des Lebens zu stellen sind. Sie kehren wieder, in der Lebensmitte (oft als „Midlife-Crisis“) oder wenn man älter wird. Dann beschäftigen einen die Fragen: Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Habe ich meine Aufgaben erfüllt; habe ich sie gut erfüllt? Liegt vielleicht noch einmal etwas ganz Neues vor mir? Es ist nie zu spät, sich mit der Frage nach der eigenen Berufung auseinanderzusetzen!

Wann haben Sie das zum letzten Mal getan? Ich möchte Sie dazu ermutigen! Denn wenn wir nach unserer Berufung fragen, erfüllen wir den „Willen Gottes“. Wir stellen unser Leben unter seinen Ruf, unter seine Pläne. Für die meisten bedeutet das, ihr „normales“ Leben bewusst nach dem Willen Gottes zu gestalten. Darin liegt Segen. Und Erfüllung. Und so baut man das Reich Gottes auf!

Es hat revolutionären Auswirkungen, wenn sich Menschen im Auftrag Gottes verstehen: als Handwerker, als Anwalt, als Schuster, als Unternehmer, als Landwirt, als Sekretär oder als Vater bzw. Mutter, als Nachbar, Freund oder Vorsitzende oder Schatzmeister usw. usw. Vieles sähe anders aus, froher, erfüllender und beglückender, als sonst üblich.

Der inzwischen heiliggesprochene John Henry Newman, hat das so ausgedrückt: „Gott hat mich erschaffen, damit ich das bin und tue, was nur mir und keinem andern bestimmt ist; ich habe einen Platz in den Absichten und in der Welt Gottes, den kein anderer einnimmt. Ich habe eine Sendung. ... Ich bin an meinem Platz ebenso notwendig wie der Erzengel an dem seinen!“

Leben wir also bewusst mit Gott! Und fragen wir explizit nach seinem Willen, wenn Entscheidungen anstehen. So schaffen wir eine „Atmosphäre“, in der dann auch andere den Ruf Gottes wieder hören. Dann werden auch wieder junge Frauen und Männer ihre Berufung zu einer besonderen Hingabe im unmittelbaren Dienst an der Kirche, in klösterlichen oder geistlichen Gemeinschaften, als Priester, Ordensleute oder christgläubige Laien entdecken.

Neben dem unverzichtbaren Gebet besonders für Priesterberufungen leisten wir dafür einen sogar sehr direkten Beitrag, indem wir selber das eigene Leben als Berufung Gottes gestalten!

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 24/2020 (A)

„Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.“

Es sind Worte Jesu aus dem Johannes Evangelium (3,16-18). Wir hören sie an diesem Sonntag, dem Dreifaltigkeitssonntag. Diese Worte regen den Gottesdienstbesucher an, seine eigene Würde zu bedenken. Zugleich offenbaren diese Worte aber auch die Größe Gottes. Gott hat dies Welt geschaffen. Er rettet sie auch. Und das aus eigenem Entschluss und ohne von außen dazu gedrängt zu werden. Gott schafft und rettet ohne jede Notwendigkeit und – wegen seiner Dreifaltigkeit: s.u. – ganz aus sich selber heraus. Weil er selber ganz groß ist. Nichts ist größer, als er wahrhaft in seiner Dreieinigkeit.

Die zweite Person Gottes des Sohnes, die sich ganz für uns hingibt, durchschreitet als Mensch wie wir ein Stück Heimatlosigkeit und Entfremdung: In seinem Heimatort wurde er angefeindet. Angetrieben von seiner Sendung. durchwanderte er das ganze Land und hatte „keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen konnte“ (vgl. Matthäus-Evangelium 8,20). Auch er war ein „Nomade“, wie Menschen heute und zu allen Zeiten.

Dennoch wusste sich die zweite Person Gottes des Sohnes auch als Mensch ganz tief geborgen. Denn Jesus lebte als Mensch nicht aus sich selbst! Er lebte ganz aus Gott, den er „seinen Vater“ nannte. Von ihm her empfing er Rückhalt, Kraft und Geborgenheit. So war er unabhängig, nicht angewiesen auf menschliche Bindungen und auf Bestätigung durch die Anerkennung anderer. Darum konnte er ebenso gut Konflikte wagen (gerade in seiner Heimat Nazaret; vgl. u.a. Lukas-Evangelium 4,16-30!), wie Gemeinschaft aufbauen. Weil er sich selbst ganz vom Vater her empfing, konnte er sich ganz an die Menschen verschenken und allen „Mühseligen und Beladenen Ruhe verschaffen“ (vgl. Matthäus-Evangelium 11,28).

Darin besteht das Geheimnis der Person von Jesus: Seine wahre Heimat liegt jenseits der Menschenwelt – sie ist das innere Leben Gottes, das Le-en der Dreifaltigkeit! So offenbart sich in seiner Gestalt etwas vom tiefsten Wesen Gottes. Wenn wir seine Weise zu leben betrachten, verstehen wir auch deutlich mehr von dem einen Gott in drei Personen. Wir verstehen die Allerheiligsten Dreifaltigkeit dann besser.

Wir tun hier einen Blick ins Innere einer Gemeinschaft unvorstellbarer Intensität: Der Vater verschenkt sich ganz an den Sohn; der Sohn empfängt sich ganz vom Vater her. „Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir“ (vgl. Johannes-Evangelium 14,10-11). Zwischen ihnen flutet eine Liebe, die selbst Person ist: der Heilige Geist. Er ist „das ‚Wir‘ in Person“. Nicht aus sich selbst, sondern ganz vom andern her zu leben – das ist das innere Lebensgeheimnis Gottes!

Und deshalb wirkt Gott so überraschend aus sich selber, weil er ganz vom anderen her lebt. Die Einheit des einen Gottes in den drei real voneinander verschiedenen Personen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes sprengt unsere Vorstellung. Aber in dieser Einheit liegt unser Zukunft. In dieser Einheit sind wir schon jetzt zu Hause und in bester, stärkender Gemeinschaft.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 23/2020 (A)

Maria empfängt als Sinnbild der Kirche in der Mitte der Apostel den Heiligen Geist in Überfülle

Paulus stellt den Jünger aus Ephesus eine interessante Frage: „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet?“ Diese Frage legt nahe, dass man es merken kann, ob man den Geist bekommen hat oder nicht! - Das lässt uns weiterfragen: Gibt es denn auch Wirkungen, an denen man den Heiligen Geist erkennt?

Von der Erfahrung her kann man das jedenfalls eindeutig bejahen. Der Heilige Geist ist der wirkende Gott. Er ist Gott, der in uns und unter uns lebt und vor allem von innen heraus wirkt. Wenn man von ihm spricht, muss man auch von seinen Wirkungen sprechen.

Wo Menschen sich Gott öffnen, entwickelt sich bei ihnen eine gewisse Sensibilität, eine Empfänglichkeit für die Stimme des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist macht sich bemerkbar: im eigenen Inneren nämlich. Und als Gläubiger nimmt man dieses Wirken Gottes auch sehr unmittelbar als Antrieb des Heilige Geistes wahr.

Was da geschieht ist meist vielfältig. Man nimmt wahr, wie man anfangs meist noch recht allgemein angetrieben wird, jede Situation aus dem Glauben und aus der Liebe zu gestalten. Manchmal auch zu Unternehmungen oder Wagnissen, zuweilen entgegen aller vernünftigen Überlegung.

Man spürt das einfach: Gott will dies ... jenes will er nicht ... darauf soll ich mich einlassen ... davon halte ich mich besser fern ... um diesen Menschen soll ich mich kümmern ... hier ist mein ganzer Einsatz gefordert, usw. Manchmal spürt man genau, dass eine bestimmte Sache entgegen aller Wahrscheinlichkeit gut enden wird. Auch bei größeren Entscheidungen sollte man dem „Luftzug des Heiligen Geistes“ folgen: wohin er – durch äußere Zeichen ebenso wie durch die „innere Stimme“ – führen will.

Der Geist „führt in die volle Wahrheit ein“ (vgl. Johannes-Evangelium 16,13). Die innere Klarheit und das tiefere Verständnis für die Botschaft Jesu sind sein Werk: Plötzlich rührt das Wort der Heiligen Schrift persönlich an. Manchmal vermittelt es klare Weisungen für konkrete Situationen: eine lange dunkel gebliebene Stelle beginnt zu sprechen... Wie bei den „Emmaus-Jünger“ kann man dann sagen: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ (Lk 24,32).

Oder die Glaubenslehre erschließt sich in ihrem wahren Sinn: Sie ist nicht mehr trockenes Dogma, sondern wird lebendig. Es sind nicht länger nur Lehrsätze, die man aufgrund der Autorität der Kirche für wahr hält. Man entdeckt vielmehr von der geistlichen Erfahrung her, was diese oder jene Lehre mir zu sagen hat. In der Glaubenslehre verdichten sich Glaubens-Erfahrung und führen im Heilige Geist zu einem Verstehen „von innen her“ und zu einer Zustimmung des Herzens.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 22/2020 (A)

Eine seltene Darstellung: Maria predigt den Aposteln in Erwartung des Pfingstfestes

Wir haben hier in St. Pantaleon seit dem ersten Mai nun schon sehr viele und auch sehr gut besuchte Gottesdienste gefeiert. Dankbare Rückmeldungen sprechen zahlreich von frohmachenden Gottesdiensten, die als befreiend erlebt wurden. Das liegt wohl auch an der überzeugenden Art, wie wir die verbindlichen Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung von Neuinfektionen haben umsetzen können.

Gestern allerdings, am 22. Mai, hat sich erstmals ein Gottesdienstbesucher beklagt. Er hat sich wohl nicht ganz sicher gefühlt, weil u.a. sein Sitz-Nachbar den Sicherheitsabstand nicht eingehalten habe, usw. Das muss und will ich aufgreifen; denn ich erlebe ja selber, wie sehr ein frohmachender und befreiender Gottesdienst Corona an den Platz verweist, einen untergeordneten nämlich, wo die scheinbar alles beherrschende Epidemie in Wirklichkeit hingehört. Das darf aber bitte nicht dazu führen, Corona und die von diesem Virus ausgehende globale und nur bedingt beherrschbare Gefährdung ganz zu vergessen, geschweige denn die notwenigen Maßnahmen außer Acht zu lassen. So bitte ich mit diesen Zeilen zum ersten Mal erneut um Einhaltung einer vernünftig durchdachten wie unverzichtbaren „Corona-Disziplin“.

An den Sonn- und Feiertagen sind die getrennten Wege zum Betreten wie zum Verlassen der Kirche strikt einzuhalten. Es käme sonst unweigerlich zu „Verdichtungen“, die den Mindestabstand von zwei Metern unmöglich machen. Das darf nicht sein! An diesen Tagen dürfen Sie die Kirche bitte nur durch den bekannten Tageseingang mit seinem historischen Windfang betreten und nur durch die Außentür der Josefmaria-Kapelle zum historischen Innenhof hin verlassen. Und bitte immer im gebührenden Abstand von zwei Metern. (Unter anderem wurde hier ein Regelverstoß moniert!)

Bitte lassen Sie im Familiengottesdienst, sonntags um 10.00 Uhr, die Bänke im Mittelschiff für FAMILIEN frei. Belegen Sie als Einzelperson / Paar bitte die Seitenschiffe und den Hochchor. Ich kann nicht verstehen, warum – wie vorgekommen – eine ältere Einzelperson eine Bank im Mittelschiff gegen eine kinderreiche Familie „verteidigt“, statt bereitwillig auf einen der freien Einzelplätze auszuweichen. Und das während einer Heiligen Messe!!

Bitte achten Sie ebenfalls auf den vorgeschriebenen Abstand in den Bänken. Wenn ein Paar auf der einen Seite einer Bank im Mittelschiff sitzt, muss es bitte – wie vorgesehen (s. ausliegende „Sitzplatzregelung“) – bis auf den beigestellten Hocker ausweichen, damit zu einem hinzukommenden zweiten Paar der Mindestabstand von zwei Metern gewahrt bliebt. Auch hier kann ich nicht verstehen, warum – wie vorgekommen, und das war ein weiterer Grund der oben genannten Beschwerde – ein älteres Paar trotz der in diesem Moment noch einmal klar ausgesprochenen Bitte um Einhaltung des vorgeschriebenen Mindestabstandes diesen verweigert. Und das während einer Heiligen Messe!!

Dann noch ein Wort zur Kommunionausteilung. Der Kommunionausteiler kann auf einen zum Schutz für den Kommunionempfänger gedachten Mundschutz verzichten, und wir praktizieren es hier so, weil wir einen mikrobiologisch gleichwertigen Schutz des Kommunionempfängers wie des -spenders praktizieren. Die Hosteinschale – in der Sakristei streng nach Hygienevorschrift gefüllt – bleibt während des gesamten Gottesdienstes bis zur Kommunionausteilung zugedeckt. So bleiben alle Hostien gegen jeden „Spuck“ geschützt.

Bei der Kommunionausteilung wird die Hostienschale konsequent seitlich, außerhalb des möglichen „Spuck-Radius“ gehalten. Ebenso die Hostie auf der anderen Seite während der liturgischen Worte „Der Leib Christi“. Hier sind die kurzen Atem- und Sprechpausen im rechten Augenblick wichtig. Dann bleibt die Hostie auch hier gegen jeden „Spuck“ geschützt. Der Kommunionspender kommt zu Ihnen in den Bänken. Bleiben Sie also bitte dort, wo Sie sind. Und alles bleibt ruhig und hilft der betenden Begegnung mit dem Herrn.

Erst wenn Sie als Kommunionempfänger das liturgische „Amen“ gesprochen haben, tritt der Kommunionspender bei beiderseitig ausgestrecktem Arm und kurz angehaltenem Atem – worum ich hiermit erneut bitte – auf einen immer noch ungefährlichen Mund-zu-Mund-Abstand von über 1,50 Metern und für gerade einmal drei Sekunden zur „Übergabe“ der Kommunion noch einmal, aber weiterhin ungefährlich näher. Und er begibt sich sofort danach wieder in den über zwei Meter messenden „Hochsicherheitsabstand“.

Auch wollen wir weiterhin ein ganz einfaches System praktizieren, um mögliche, wenn auch sehr unwahrscheinliche Infektionsketten nachverfolgen zu können. Bitte tragen Sie dafür auch in Zukunft am Samstag und Sonntag auf die jeweils vorbereiteten Zettel entweder Ihre Festnetz- oder Ihre Handynummer oder Ihre E-Mail-Adresse ein. Das reicht. Nach zwei Wochen werden diese Zettel vernichtet. Die dafür notwenige Datenschutzerklärung liegt ja bereits in der Kirche aus.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 21/2020 (A)

Himmelfahrt - Detail eines Gemaeldes von Hans Suess von Kulmbach (16. Jh.)

Erinnern Sie sich noch an Ihre Kindheit? Haben Sie noch in Erinnerung, was ein Kind denkt und fühlt, wenn die Mutter etwa beim sonntäglichen Nachmittagskaffee ein besonders großes Stück Kuchen dem Kind abschneidet und auf den Teller legt, das sie mehr als die anderen liebt?

Für uns Menschen ist es äußerst schwer, Liebe und Gerechtigkeit in genau der richtigen Weise miteinander zu verbinden. Wir müssen uns darum bemühen, gut abzuwägen und alles in rechter Weise aufeinander abzustimmen. Da aber wirkliche und wahre Liebe alle Grenzen übersteigt, stehen wir hier vor einem „Liebes-Dilemma“; denn die Gerechtigkeit setzt notwendigerweise Grenzen. Aber setzt sie auch der Liebe Grenzen?

Hier hilf das Evangelium vom sechsten Ostersonntag (Joh. 14,15-21). Am häufigsten kommt in ihm das Wort „Liebe“ vor: Insgesamt fünf Mal. Aber es bleibt gewöhnungsbedürftig, dass unser Herr die häufig genannte Liebe wiederholt in ganz enge Verbindung mit den Geboten bringt: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“ bzw. „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt.

Wo genau liegt unsere Schwierigkeit bei dieser Verbindung von „Liebe“ und „Gebot“? – Hier ist hilfreich, das Gebot vom Verbot zu unterscheiden. Nicht bei allen der 10 Gebote heißt es verbietend: „du sollst nicht …“. Bei einigen heiß es auch gebietend: „du sollst ...“.

Das Verbotene benennt das, was nicht mehr geht: „du sollst nicht “, weil es der Liebe zutiefst widerspricht. Das Gebotene hingegen benennt das, was der Liebe entspricht: „du sollst …“. Von daher ist hinter jedem Verbot nicht nur zu sehen, was es verbietet, sondern immer auch das, was es gebietet.

So ist im Verbot zu Lügen das Gebot zur Wahrhaftigkeit mit eingeschlossen. Und wie das Lügen in negativer Richtung der Liebe widerspricht und sie tötet, so entspricht in positiver Richtung das Gebot zur Wahrhaftigkeit der Liebe und bringt sie zum Leben. Hier wird deutlich, wie tief der Zusammenhang zwischen beidem, zwischen der Liebe und dem Gebotenen ist: Wer die Gebote hält und wer das Gebotene tut, der wächst in der Liebe. Das Verbotene hingegen benennt deutlich das, wodurch die Liebe stirbt und sie verloren geht.

Im alltäglichen Leben ist das oft mit Mühe verbunden. Nicht selten gleicht ein Tag dem anderen. Und die Wochen vergehen, ohne dass große Veränderungen sichtbar werden. Aber wer sich immer wieder neu mit Gottes Hilfe darum bemüht, das Verbotene draußen vor zu lassen und sich dem Gebotenen zu öffnen, der tritt nicht auf der Stelle, sondern schreitet voran; denn schon das nicht Zurückfallen in die Sünde ist segensreich und bereits ein großer Fortschritt.

Schaut man sich das Evangelium dieses Sonntags näher an, fällt auf, dass der Evangelist Johannes zu Beginn mit Worten Jesu die Verbindung von Liebe und Gebot herstellt (Joh. 14,15): „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ Unmittelbar darauf gibt Johannes die folgenden Worte Jesu wieder (ibid., 16f): Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.“

Nach weiteren Ankündigungen der Herabkunft des Heiligen Geistes und Aussagen über den besonderen Beistand, den Gott seinen Kindern im Übermaß gewährt – ibid. 18: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch“ – kommt Johannes mit Worten Jesu auf die enge Verbindung von Gebot und Liebe – jetzt sogar in umgekehrter Reihenfolge – zurück (ibid. 21): „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt.

Bei der Mühe im alltäglichen Leben und dem täglichen Bemühen darum, nicht in die Sünde zurück zu fallen, sondern – wiederholt auch beschwerlich und nicht ohne Selbstüberwindung – das Gebotene („dein Wille geschehe“) zu tun und darin voranzuschreiten, steht der Gläubige als Kind Gottes nie alleine. Die Verbundenheit mit Gott schenkt ihm nicht nur Kraft; sondern wachsende Liebe, die erfüllt und zugleich erkennen lässt, wie groß die Veränderungen und Verwandlungen sind, welche die Treue in den Geboten mit sich bringt.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 20/2020 (A)

Das inzwischen weitgehend eingerüstete Westwerk von innen. - Das ist nur der Anfang. Dafür wird das Ende überwältigend. Eine Durststrecke von drei Jahren liegt jetzt vor uns!

Nun gehen wir in das zweite Wochenende der offenen Gottesdienste. In den vergangenen Tagen, wie auch Wochen davor, haben wir Bewegendes und für die ganze Gemeinde Bereicherndes erlebt.

Unter anderem haben wir uns gegen ein Ticketsystem und für eine weitere Sonntagsmesse entschieden. Ganz nüchtern geleitet vom Grundsatz, irrationale Ängste nicht auch im Raum der Kirche zu schüren. Die Kirche ist mit derzeit auf 1.300 qm reduzierter Grundfläche – wegen umfassender Baumaßnahmen – weiterhin sehr groß. Sollten wider Erwarten die auf rundum zwei Meter-Abstand konsequent ausgemessenen Plätze alle belegt sein, muss man halt den nächsten der nun insgesamt fünf Sonntags-Gottesdienste abwarten.

Auf diese Weise haben vom ersten bis zum dritten Mai zwischen 430 und 450 Gläubige in aller Ruhe in St. Pantaleon wieder Eucharistie feiern können. Außerdem haben wir fortsetzten können, was wir hier ab der Karwoche begonnen haben.

In den April-Wochen war die Kirche durchgehend von neun Uhr vormittags bis gegen zwanzig Uhr abends geöffnet. Über Stunden war mindestens einer von uns Priestern in der Kirche. Mit zahlreichen Betenden, die kamen und gingen, haben wir vor allem die Kraft des Allmächtigen ganz neu erfahren, wenn er unter der Gestalt des Brotes in der Monstranz auf dem Altar „steht“. Dadurch ermutigt haben wir sehr bald im Halbstunden-Takt ab 17:00 Uhr dann auch die Kommunion gespendet.

Es waren am Ende zwischen fünf- und sechshundert „Osterkommunionen“ und ähnlich vielen „Osterbeichten“. Ganz genau weiß ich es nicht. Aber irgendwo dazwischen ist exakt.

Dabei hat sich eine einfache und risikofreie Kommunionspendung „entwickelt“; wohl auch gefördert durch die persönliche Erfahrung, bis zum 27. Lebensjahr als vom Staat examinierter Chemiker den Umgang mit wirklich giftigen Stoffen frei von irrationaler Angst sicher und wiederholt erprobt zu haben.

So geht Kommunizieren frei von Infektionsrisiken dann auch ohne Mundschutz: Auf Distanz und nicht gegen, sondern vorbei an der seitlich versetzt gehaltenen Hostie spricht der Kommunionspender die liturgischen Worte „der Leib Christi“ und wartet das „Amen“ des Kommunikanten ab. Erst dann wird die Distanz von über zwei Metern bis auf zwei ausgestreckte Armlängen und einem Mund-zu-Mund Abstand von ca. 1,5 m für drei Sekunden verringert. In diesem Augenblick der „physischen Kommunionspendung“ atmen die Beteiligten nicht. Und schon begibt der Kommunionspender sich wieder in den Hochsicherheitsabstand von über zwei Metern.

Die Bewegungsabläufe werden nach kurzer Eingewöhnung elegant. Eine Infektion lässt sich auf diese Weise ziemlich sicher ausschließen. Und die Gläubigen sind vorher darüber instruiert. Weiterhin bleiben die Gläubigen für den Kommunion-Empfang auf ihrem Platz und der Kommunionspender kommt zu ihnen. Mit passender kirchenmusikalischer Begleitung sind alle entspannt und finden schnell zur betenden Gemeinschaft mit Gott und untereinander.

Final als „abstract“: Konsequenter Zwei-Meter-Abstand nach allen Seiten, auch beim Hinein- und Hinausgehen und nur beim Kommunionempfang für drei Sekunden und ohne Atmungsaktivität auf 1,5 Meter reduziert, immer frische Luft (leichter Durchzug!), eine hygienisch einwandfrei gereinigte Kirche, ohne Gesang aber mit sauberen Händen: Damit haben wir alles Notwendige getan, und mehr bitte nicht, um dann von ganzem Herzen mit Jesu Worten zu beten (Joh 14,1): „Euer Herz sei ohne Furcht …“ Andere übersetzen: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich.

Corona verhält sich außerhalb des menschlichen Körpers wie jedes andere Virus. Unberechenbar ist Corona nur in unserem Körper. Von daher verstehe ich nicht, warum Theologen, teils weltfremd und mit ungesundem Menschenverstand, den Gläubigen durch zusätzlich auferlegten, aber wenig wirksamen bis unwirksamen „Schutzmaßnahmen“ den Glaubensvollzug mühsam bis unerträglich machen.

Dieser Tage erhielt ich u.a. folgende Mail: „Es war heute Mittag in St. Pantaleon (im Gegensatz zur Frühmesse in XY, wo ich alles schrecklich einengend und bedrückend fand) trotz der Einschränkungen eine so schöne Atmosphäre und alles so unaufgeregt! Ja, wirklich friedlich und Frieden verbreitend! Morgen bringe ich meinen Mann mit! :-)

In diesem Sinne bitte ich nachdrücklich, alle notwendigen Vorgaben für die öffentlichen Gottesdienste auch weiterhin konsequent zu beachten. Sie liegen als Gedrucktes in der Kirche aus! So können wir feiern und uns der Nähe Gottes erfreuen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 19/2020 (A)

Der hl. Josef von Guido Reni zwischen 1640 und 1642, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom

Seit dem ersten Mai sind nun auch öffentliche Gottesdienste wieder möglich. Viele haben sich sehr darüber gefreut. Die Freude hat damit zu tun, dass insbesondere die Feier der Heiligen Eucharistie durch nichts zu ersetzten ist. Sie ist zudem „Quelle und Höhepunkt“ (II. Vatikanum) des christlichen Lebens.

Was das konkret bedeutet, wurde unter anderem auch gestern gleich wieder deutlich. In den zwei bewegenden Gottesdiensten, die wir öffentlich feiern konnten, haben wir am Fest des Heiligen Josef, des Arbeiters, aus dem Buch Genesis folgendes gehört (Gen 1,27f): „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

Mit der „Unterwerfung der Erde“ ist nicht gemeint, dass wir sie ausbeuten. Im Gegenteil. Damit ist gemeint, dass sie uns nicht unterwirft und wir uns von ihr nicht unterwerfen lassen. Genau das passiert aber leider; immer wieder und viel zu oft.

Die Schöpfung ist wunderschön, aber nicht perfekt. Es gibt Naturkatastrophen, Krankheit und Tod. Wo man das mehr vor Augen hat, als das Leben, all das Gute und Schöne, da lässt man sich von der Welt beherrschen und unterwerfen. Von daher kommt dann auch das Wort „Heidenangst“. Es ist die Angst der Heiden, der Gottlosen. Die Angst derer, die in ihrer Wahrnehmung auf das Irdische begrenzt bleiben. So bleiben sie, nur das Irdische suchend, dem Irdischen ausgeliefert.

Wo man nur das Irdische sucht und sich darin verliert – also in irdischer Selbsterfüllung und Selbstgefälligkeit; m.a.W.: in der Suche seines Selbst nur im Irdischen – da wird man dem Auftrag Gottes, sich die Welt zu unterwerfen, nie gerecht werden. Man bleibt ihr ausgeliefert, ihr unterworfen.

Ein faszinierender Weg – weg davon – ist uns in der Eucharistie geschenkt. In dieser Feier werden Brot und Wein zum Altar gebracht. Sie sind – wie der Priester im Gabengebet spricht – „Frucht der Erde und Frucht der menschlichen Arbeit“. Diese Gaben gehen durch die Kreativität des Menschen aus der bibelgemäßen Unterwerfung der Schöpfung hervor. Aber das ist noch nicht alles. Denn oft unterwirft das, was der Mensch schaffen und wirken kann, ihn doch wieder der Welt. Dann nämlich, wenn ihn seine Eitelkeit und seine Suche nach seinem Selbst allein in dem, was er irdisch hervorbringen kann, doch nur wieder im Irdischen verloren sein lässt.

Anders durch die Feier der Eucharistie. Hier werden alle Gaben, alle Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit – dargestellt in den Gaben von Brot und Wein –, zu Gott gebracht. Und dann geschieht Verwandlung, reale Gegenwart Gottes im Irdischen und in all unserem Tun. Hier ist die Quelle für das christliche Leben. Diese Quelle ist nicht nur das Geglaubte, sondern das real Vollzogene.

Am Ende ist nur die Realität dieses Vollzugs die nicht und von niemand zu erschütternde Grundlage allen christlichen Glaubens. Die dazu gehörende Glaubenserfahrung ist in unserem Land leider schwach geworden. Unter anderem, weil dem realen Vollzug womöglich zu wenig Bedeutung beigemessen und er wohl nicht mehr bedingungslos und aus tiefster innerer Überzeugung vollzogen wird. Hier schränkt das eine das andere ein. – Umso mehr freut es mich, dass der reale Vollzug dieser geheimnisvollen Glaubenswirklichkeit nun wieder öffentlich ist.

Ich bitte Sie nachdrücklich, alle Vorgaben für die öffentlichen Gottesdienste konsequent zu beachten. Sie liegen in der Kirche aus!

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 14/2020 (A)

St. Pantaleon - im Hintergrund der Kölner Dom

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Nun bin ich mehrfach und wiederholt gebeten worden, aus meiner unfreiwilligen Quarantäne doch auch an alle noch etwas zu schreiben, mich bei ihnen zu melden etc. … Nun ja, ein paar Worte habe ich in der Zwischenzeit ja auch öffentlich an die gerichtet, die es mitbekommen haben: anlässlich des Hochfestes der Verkündigung des Herrn am 25. März: https://youtu.be/89FR_rMGiuo. In dem jüngst eingerichteten „Youtube“ Kanal von St. Pantaleon finden Sie eine weitere Betrachtung zum Hochfest von unserem lieben Msgr. Dr. Cesar Martinez: https://youtu.be/39IFI3eXZaw. … Derzeit helfen wir uns gegenseitig, dass unsere Quarantäne zu einem Wachsen nach Innen werde.

Mit einer gewissen Verzögerung lade ich Sie nun ab nächsten Sonntag (Palmsonntag, 5. April 2020) ein, nach dem bistumsweiten Läuten aller Kirchenglocken ab 19:30 Uhr gemeinsam das Gebet zu sprechen „Unter Deinen Schutz und Schirm ….“. Unser Erzbischof hat dies ja angeregt. Im Anschluss daran – und darauf freue ich mich – werde ich bis auf Weiteres täglich ein kurzes geistliches Wort im „livestream“ auf dem neu eingerichteten Youtube-Kanal von St. Pantaleon an alle richten, die sich zuschalten möchten. Die livestreams werden automatisch gespeichert. So können Sie sich diese auch im Nachherein noch anschauen und mit dabei sein.

Am besten, Sie „abonnieren“ den Youtube-Kanal „Sankt Pantaleon – Köln“. Melde Sie sich dafür (1) auf Ihrem Computer bei YouTube an: Mit einem Google-Konto, dass Sie, sofern Sie noch keines haben, kostenlos erstellen können. Rufen Sie dann (2) eines der beiden oben genannten Videos auf und klicken Sie (3) unter dem Videoplayer auf „Abonnieren“. Wenn Sie dann zukünftig unter Ihrem Google-Konto bei Youtube sind, finden Sie den Kanal „Sankt Pantaleon – Köln“, indem Sie unter den drei waagerechten Strichen, die Sie oben ganz links neben dem Logo von YouTubeDEfinden, weiter unten auf „Abos“ klicken. So bekommen Sie jederzeit alles mit!

Für morgen oder übermorgen wird zudem eine bistumsweite Regelung erwartet, die den Kommunionempfang außerhalb der Heiligen Messe für Einzelpersonen ermöglichen wird, die darum gemäß Can. 918 CIC bitten, unter Beachtung aller, der derzeitigen Situation geschuldeten staatlichen und hygienischen Vorschriften. Auch darauf freue ich mich sehr.

Derzeit feiere ich weiterhin täglich die Heilige Messe um 12:00 Uhr. Nun in unserer kleinen Kapelle im sog. Pfarrhaus. Wie schon vor der Quarantäne sind Sie alle im Geiste mit dabei. Dabei bitte ich den Herrn jeweils um die verschiedenen Intentionen, die Sie uns als Messintentionen anvertraut haben.

Seien auch Sie bitte zuversichtlich, dass in der derzeit ein wenig verwaisten Gemeinde St. Pantaleon ab Palm-Sonntag – bei aller weiterhin gebotenen Distanz – wieder eine andere Präsenz möglich sein kann und wird.

Ihr Pfarrer Dr. Volker Hildebrandt

Pfarrnachrichten 12/2020 (A)

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Im Erzbistum Köln finden von diesem Sonntag (15. März) an bis Karfreitag (10. April) keine öffentlichen Gottesdienste (Hl. Messen, Hochzeiten, Taufen, Andachten usw.) statt. Damit folgt unser Erzbistum in entschlossener Mitsorge um das Wohl aller dem kommunalen Verbot jeglicher Veranstaltung im Kölner Stadtgebiet.

Zugleich werden wir mit dieser einschneidenden Maßnahme an eine elementare Christenpflicht erinnert und dazu aufgerufen. Denn die Sorge und Verantwortung um das Wohl aller gehören unverzichtbar zum christlichen Glauben. Zurzeit gilt, die gegenwärtige Herausforderung beispielhaft und aus tiefster Überzeugung solidarisch auch dann mitzutragen, wenn einem manches in der Seele sehr weh tut.

Sonntagsmesse und Sonntagspflicht

Von daher werden alle Gläubigen gebeten, Gottesdienstübertragungen in Fernsehen, Radio oder Internet zu verfolgen. Hierzu finden Sie eine Übersicht u.a. auf der Internetseite des Erzbistums: https://www.erzbistum-koeln.de/presse_und_medien/magazin/Live-Uebertragungen-der-Hl.-Messe-an-Sonntagen-und-Werktagen/.

Die „Sonntagspflicht“, gemäß der alle Katholiken der Weisung der Kirche folgend sich letztlich selber dazu verpflichten, an allen Sonn- und gebotenen Feiertagen der Feier der Eucharistie (Heilige Messe) „andächtig beizuwohnen“, ist in dieser Ausnahmesituation nach alter Tradition und kirchenrechtlicher Regelung „aus schwerwiegenden Gründen“ ausgesetzt.

Die private Zelebration der Priester bleibt unverändert erlaubt und ist gegenwärtig als stellvertretender Vollzug besonders empfohlen.

So werden auch in St. Pantaleon – der Regelung in der Bischofskirche, unserem geliebten Dom folgend – ab sofort keine heiligen Messen unter physischer Anwesenheit von Gläubigen stattfinden. Selbstverständlich werden wir Priester für die Gläubigen und die Welt die heilige Messe auch weiterhin täglich feiern.

Die 12:00 Uhr Mittags-Messe jeweils am Montag in St. Pantaleon – und womöglich weitere Heilige Messen an anderen Tagen – wird wie bislang über KTV (https://k-tv.org/programm) weltweit übertragen. Auch diese Heiligen Messen mit einer Kurzpredigt können Sie am Bildschirm mitfeiern. Bis zum 10. April wird sie von nun an allerdings ebenfalls ohne physische Anwesenheit von Gläubigen gefeiert. Deshalb wird die Kirche in dieser Zeit geschlossen bleiben. Von daher ist ein Besuch der Kirche in diesem Zeitfenster nicht möglich.

Darüber hinaus wird St. Pantaleon „zu den gewohnten Zeiten in der je üblichen Weise und unter Beachtung der bekannt gemachten Hygieneregeln für das persönliche Gebet geöffnet bleiben. Hierbei sind in jedem Falle die jeweils geltenden amtlichen Verfügungen (z.B. Versammlungsbeschränkungen oder –verbote) maßgeblich.“ (zitiert aus der Pressemittelung des Kölner Erzbistums vom 14. März 2020, 17:43)

Sakramenten-Empfang: Beichte und Kommunion

Die Beichte wird wie bislang (s. Pfarrbrief) angeboten. Allerdings nicht im Beichtstuhl, sondern offen bei entsprechendem Abstand und bis auf Weiteres in der Taufkapelle. Bis auf weiteres bleibt auch das Pfarrbüro wie gewohnt erreichbar. Alle anderen Veranstaltungen werden ersatzlos verschoben und fallen auch weiterhin bis zum 10. April aus.

Dass die Kommunion nur noch im schweren Krankheits- und Sterbefall gereicht werden soll, ist in diesen Umständen besonders schmerzhaft. Denn die Kommunion ist nach dem Wort des urchristlichen Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien (+112) „Pharmazie der Unsterblichkeit“. Also eine Arznei par excellence, die gerade auch heute vielen sehr gut tun und sie nicht nur in der Seele, sondern in der Folge dann auch in ihrem Leib heilen würde.

Sehen Sie darin bitte eine wunderbare Chance, im Glauben zu wachsen und die ganz persönliche Verbundenheit mit Gott durch das Gebet und die sogenannte „geistige Kommunion“ zu suchen.

Mein Nachbarpfarrer und guter Freund hat zur gegenwärtigen Lage geschrieben: „Es tut ja gut, dass die Absagen Verlustschmerz hinterlassen. … In all dem wage ich – nicht zur Schmerzverweigerung – diese Situation als eine geistliche Herausforderung zu sehen und anzunehmen. Ich weiß im Moment nicht, was der Geist uns mit diesem Verzicht auf Gottesdienstfeiern in der Gemeinschaft sagen will. Vermutlich wird sich uns bei einiger geistlicher Wachsamkeit etwas zeigen. Das ist die Einladung an uns …, dass wir alle uns wach halten für das, was der Geist uns für die Zwischenzeit mit auf den Weg gibt." Das ist wunderbar, und gerne gebe ich das so weiter!

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 11/2020 (A)

Raffael: Transfiguration (1516/20), Vatikanische Museen, Rom

Der heutige, zweite Sonntag in der Fastenzeit wird bestimmt vom vielschichtigen Evangelium der Verklärung Jesu (vgl. Mt 17,1-9). Der Evangelist Matthäus berichtet über dieses Ereignis folgendes: „In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg.“ Man könnte auch übersetzen: „Er nahm sie zu sich“; denn auf dem Berg zeigte er den Auserwählten die überwältigende Schönheit seines Gottseins. „Er wurde vor ihren Augen verwandelt (metemorjwqh). Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.

Im Verlauf des Berichtes wird deutlich, dass all unsere Worte wohl nur unvermögend beschreiben können, was den drei Aposteln zuteil wurde. Auch die Reaktion der Apostel lässt ein gewisses Unvermögen erkennen. Sie haben Schwierigkeiten, allen voran Petrus, situationsgemäß zu antworten, wie im Folgenden deutlich wird: „Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elija und redeten mit Jesus. Und Petrus sagte zu ihm: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.

Petrus ist so überwältigt, dass er das Erlebte festhalten möchte, am liebsten für immer. Aber er weiß nicht so recht, wie das geht. Und das Erlebte scheint zugleich überirdisch intensiv, wie er es bislang noch nie erlebt hat.

Ähnliches erfährt der Gläubige, wenn er dann wirklich einmal Gott im Gebet begegnet. Wo ein Gläubiger regelmäßig betet, wird er Solches mit großer Wahrscheinlichkeit auch wirklich erfahren. Ein solches „Gebets-Erlebnis“ ist selten. Sogar ziemlich selten. Dafür prägt es aber und reicht aus für ein ganzes Leben.

Nicht weniger aufschlussreich ist dann das Nächste, was sich ereignete. „Noch während er (Petrus) redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören Als die Jünger das hörten, bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst! Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus.

Wie konnte eine Wolke leuchten? Und wie konnte sie dann als “leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie werfen“? Doch nur, wenn sie von Jesus erleuchtet wurde, von dem wiederum ein so intensives Licht ausging, dass die durch ihn „leuchtende Wolke“ die Apostel nicht in helles Licht, sondern in ihren Wolken-Schatten tauchte.

Das einzige Licht, das dem Menschen alles Verborgene aufdeckt und ins Licht setzt, ist Jesus Christus allein. So verwandelt am Ende auch nur er all unsere gottlosen Heidenängste in christliche Zuversicht und Gelassenheit: „Habt keine Angst!

Mit dem abschließenden Redeverbot sichert Jesus die unauslotbare Bedeutung seiner Worte und Taten. So werden sie nicht profaniert. So führen sie ins Heilige und zur Heiligkeit.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 10/2020 (A)

Die Fastenzeit hat in der katholischen Kirche eine lange Tradition. Ursprünglich fiel der erste Fastentag auf den 6. Sonntag vor Ostern. Papst Gregor der Große (590-604) verlegte den Beginn auf den davorliegenden Mittwoch, um die Sonntage als „Tag des Herrn“ von der Fastenzeit auszunehmen. So beläuft sich die Zeit exakt auf 40 Tage.

Die 40 Tage erinnern an den Zeitraum, in dem Jesus nach dem Zeugnis der Schrift (vgl. Mt 4, 1-11) in der Wüste gefastet hat. In der österlichen Bußzeit bereiten sich die Gläubigen durch Besinnung auf den Glauben, Reduzierung auf das Wesentliche und durch Sühne für begangene Schuld auf das Osterfest vor. Es ist das höchste Fest im Kirchenjahr. Die innere Einkehr und die Nachfolge Jesus in seinem Fasten stehen dabei im Vordergrund.

In einem berühmten Karnevalslied heißt es: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ und das närrische Treiben geht zu Ende. Das Ende des Straßenkarnevals markiert also gleichzeitig den Beginn der christlichen Fastenzeit. Das hat seinen Grund darin, dass der Ursprung des Karnevals in der nahenden Fastenzeit liegt. Die Menschen wollen – als Tradition besonders ausgeprägt im Rheinland – vor der Fastenzeit die Freunde des Lebens noch einmal zünftig würdigen. Das Wort "Karneval" kommt wahrscheinlich aus dem Lateinischen und bedeutet "Carne vale", also "Fleisch - lebe wohl". Von daher abgeleitet gibt schon das Wort "Karneval" selber einen guten Hinweis auf den eigentlichen Sinn dieser Tage.

Die Tradition, an Aschermittwoch ein Aschekreuz auszuteilen, geht in das 10. Jahrhundert zurück. Am Aschermittwoch wird die Asche im Gottesdienst vom Priester gesegnet und mit Weihwasser vermengt. Mit den Worten „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst" oder alternativ die Worte Jesu: "Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,15b) malt er den Gläubigen das Aschekreuz auf die Stirn.

Die Asche kann auch in Form eines Kreuzes auf den Kopf gestreut werden. Auch Laien können bei der Ausgabe des Aschekreuzes mithelfen, wenn sie vom Ortspfarrer dazu beauftragt worden sind, da es sich nicht um ein Sakrament handelt.

Und woher kommt die Asche für das Aschekreuz? Seit dem 12. Jahrhundert wird die Asche bis heute durch das Verbrennen von den Palmzweigen vom Palmsonntag aus dem letzten Jahr erzeugt. Die Asche steht dabei stellvertretend für die Vergänglichkeit und die Reinigung der Seele, da Asche ab dem Mittelalter auch als Reinigungsmittel genutzt wurde.

An Aschermittwoch und an Karfreitag, zum Beginn und zum Ende der Fastenzeit, gibt es traditionell das „Fischessen“, zu dem sich viele Karnevalsjecken treffen. Fisch – besonders Hering – war früher ein „Arme-Leute-Essen“ und im Gegensatz zu anderen Speisen sehr günstig. Und man verzichtet ganz auf Fleisch. Diese beiden Tage gelten als strenge Fast- und Abstinenztage. Sie heben sich damit von der übrigen 40-tägigen Fastenzeit ab.

Die kirchliche Fast- und Bußordnung ordnet für alle an – sofern sie das 21. Lebensjahr vollendet und das 60. noch nicht begonnen haben, und soweit nicht Krankheit etwas Anderes gebietet –, am Aschermittwoch und Karfreitag nur eine volle Mahlzeit einzunehmen. Darüber hinaus sind zwei kleine Stärkungen gestattet.

Für die Fastenzeit selber gibt es viele Möglichkeiten, ihr gerecht zu werden. Die wohl beliebteste Variante ist der Verzicht auf Genussmittel wie Kaffee, Alkohol, Süßigkeiten oder Zigaretten. In der jüngeren Vergangenheit kam es in Mode, elektronischen Geräten wie dem Fernseher oder dem Smartphone zu entsagen. Auch „Autofasten“ oder „Plastikfasten“ liegen im Trend. Aus christlicher Perspektive bleibt entscheidend, dass das eigentliche Ziel des Fastens nicht aus dem Blick gerät: die innere Vorbereitung auf das Osterfest.

Über die Fastenzeit hinaus soll jeder Gläubige das ganze Jahr über jeden Freitag im Gedenken an den Tod Jesu ein Opfer bringen.

Quelle: https://www.erzbistum-koeln.de/presse_und_medien/magazin/Aschermittwoch-Mit-Aschekreuz-in-die-Fastenzeit-starten/

 

Pfarrnachrichten 09/2020 (A)

Auf die jecken Tage folgt in der Fastenzeit von Aschermittwoch an die Einstimmung auf Jesu Passion und Sterben wie auf seine Auferstehung am Ostermorgen

Im Evangelium dieses Sonntags drängt Jesus mit großer Entschiedenheit alle Menschen guten Willens, selbst da keine Gewalt anzuwenden, wo einem Unrecht widerfährt (Mt 5, 38-48): „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.

Dieses Drängen, alles mit und durch Gewaltlosigkeit zu klären, gipfelt in der finalen Aufforderung zur Feindesliebe: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet.

Sein Recht um jeden Preis durchsetzen ist nicht das Beste. Das wissen wir alle. Denn vielleicht fügt man altem Unrecht neues hinzu. Und man nährt den Hass. Natürlich scheint es erste einmal vernünftig, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Aber nur solange, wie Gott durch seine Menschwerdung noch nicht so nahe war wie jetzt. Was einst sogar für das Volk Gottes, für Israel galt, kann jetzt dem weltweiten Volk Gottes, den Christen nicht mehr als der Wille Gottes gelten.

Das neue Gebot Jesu heißt lieben ohne Wenn und Aber, ohne einschränkenden Vorbehalt, einfach bedingungslos. Wer es fertig bringt, auf sein Recht ohne Bitterkeit zu verzichten, gewinnt damit etwas Größeres: die Freiheit und den Frieden; im Äußersten die Freiheit und den Frieden in Gottes Ewigkeit. Deshalb hat Jesus vorgezogen, brutalste Grausamkeit und infame Ungerechtigkeit zu ertragen und das irdisch schmachvolle Kreuz auf sich zu nehmen: dem Willen des göttlichen Vaters gemäß und gegen sein abgrundtief bedrängendes Leiden (vgl. Lk 22,41-44). Mit diesem Hintergrund ist Jesus bewusst und freiwillig in den dann unvermeidlichen Tod gegangen, auf den die Auferstehung folgte.

Diese freie Entscheidung des Gottmenschen Jesu hat seinen letzten Grund in Gottes eigenem Wesen und Verhalten. Gott liebt bedingungslos, absolut und uneigennützig. Kritiker mögen einwenden: Wenn Gott alles hat, wie ihr Gläubige behauptet, und ihm weder seine Schöpfung noch sonst etwas einen Mehrwert bringt, dann ist die selbstlose Liebe für Gott auch ganz leicht. Und ebenso leicht ist es für euch Gläubige, das so zu behaupten. Aber für uns irdische Menschen ist und bleibt das Illusion und weltfremde Träumerei. Als Menschen, so wie wir nun mal sind, bleiben wir auf einen Mehrwert durch unser Tun und Leisten angewiesen. Deshalb müssen wir uns auch unser Recht erkämpfen.

Dem hält der Gläubige kraftvoll mit der Heiligen Schrift entgegen, dass schon das Alte Testament, unter anderem das Buch Levitikus (vgl. die erste Lesung von diesem Sonntag), eine Sammlung von Gesetzen enthält, die man unter dem Namen „Heiligkeitsgesetz“ zusammenfasst (Kap 17-25).

Das Volk Israel ist „heilig“, weil es Gott geweiht ist, ihm in besonderer Weise gehört, und zwar vom Anfang seiner Geschichte her. „Ich bin Jahwe, euer Gott, der euch aus Ägypten herausgeführt hat“ (Lev 19,36). Daraus ergeben sich Folgerungen für das Leben dieses Volkes: für die Nächstenliebe nämlich. Der „Nächste“ war zunächst der Angehörige des eigenen Volkes, der „Bruder“. Ihn lieben heißt: ihm Gutes wollen und Gutes tun.

Jesus hat daraufhin das alte Gesetz vertieft und seinen eigentlichen Sinn verdeutlicht. Nicht nur den Nächsten, den „Bruder“, den Angehörigen des eigenen Volkes, sondern auch den Feind soll man lieben.

Das ist jetzt auch möglich, weil jeder Gläubige und die ganze Gemeinde Christi lebendige Tempel Gottes sind (vgl. 1 Kor 3, 16-23; die zweite Lesung von diesem Sonntag): „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ Gott wohnt nun nicht mehr in den Tempeln aus Stein, in den keiner hineindurfte. Sonst war man des Todes.

Gott wohnt nun in jedem, der es zulässt und sich nach Gott sehnt. Das verändert grundlegend: „Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.“ Nun kann der Heilige, der durch Gott in seinem ganzen Sein Verwandelte, so wie Gott lieben. Von daher kann Paulus scheinbar vermessen und völlig abgehoben, aber im Leben eines Gläubigen handfest erfahrbar und überwältigend real erklären: „Keiner täusche sich selbst. Wenn einer unter euch meint, er sei weise in dieser Welt, dann werde er töricht, um weise zu werden. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. … Der Herr kennt die Gedanken der Weisen; er weiß, sie sind nichtig. Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch. … Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott.

Damit schließt sich der Kreis. Die grenzenlos selbstlose Liebe wird im Verzicht auf vorschnelle Gegengewalt oder rein irdischer Logik durch die Gegenwart Gottes im Tempel, der wir selber sind, bereits in diesem Leben möglich und als erfüllend, befreiend und beglückend erfahrbar.

Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 08/2020 (A)

Berpredigt - Glasfenster

Von seinem Wesen her wünscht ein jeder, frei zu sein. Zugleich erfahren wir, dass unserem Wunsch nach Freiheit klare Grenzen gesetzt sind. Keiner kann sich ganz frei in die Luft und darüber hinaus in die Weite des Alls begeben, auch wenn einem danach ist. Gerader dieser Wunsch nach grenzenloser Freiheit, den jeder von Kindheit an in sich verspürt, ist zugleich interessant und weiterführend.

In dieser Linie liegt dann auch die folgende Annäherung an das, was Freiheit ist: „Der ist ein freier Mensch, der tun und lassen kann, was er will.“ Da ist viel Wahres dran. Es trifft den Kern von Freiheit aber nur, wenn man richtig versteht, was „wollen“ und „können“ bedeuten.

Die Fülle richtig verstandenen „Wollens“ und „Könnens“ hat nämlich mit Gehorsam zu tun. Und zwar so sehr, dass zur Freiheit immer und unbedingt auch Gehorsam gehört. Ohne Gehorsam gibt es keine Freiheit. Denn frei ist der Mensch nicht nur, wenn er „tun und lassen kann, was er will“, sondern wenn er auch zugleich das zu tun vermag, was er nicht will, ihm aber im Gehorsam nachkommt, weil es das Gebotene ist. Dann will man also, und kann es dann auch – weil man frei ist –, was man zuerst nicht wollte.

Wer nicht gehorcht, der wird nie wirklich frei. Der bleibt ewig Sklave seiner Launen, Triebe und Impulse. Eine solch vermeintliche Freiheit ist in Wirklichkeit Willkür, und hat mit Freiheit wenig, am Ende gar nichts zu tun. Willkür will der Mensch, da er frei sein möchte, eben nicht. Es gibt also keine Freiheit ohne Gehorsam!

Der für die Freiheit notwendige Gehorsam bezieht sich auf die Wirklichkeiten des Lebens. Und da kann und darf ich nun mal nicht alles. Tue ich es dennoch, verliere ich meine Freiheit und womöglich die Grundlage meines Lebens. Genau hier haben die Gebote – richtig formuliert und erkannt – ihren Platz. Sie spielen eine segensreiche und wichtige Rolle bei der Selbstformung, die bis zum Lebensende andauert. Die Gebote verpflichten nämlich auf die Wirklichkeiten des Lebens.

Du sollst nicht töten. Du sollst nicht die Ehe brechen und somit auch deiner Sexualität nicht wirklichkeitsfremd – also lieblos und unfruchtbar – freien Lauf lassen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht lügen und somit auch sich selber ehrlich bleiben und sich nicht von dem entfernen, was man als Gegebenes und Gebotenes vorfindet.

Im Sonntagsevangelium (Mt 5, 17-37) dieser Woche sagt Jesus (ibid., 17): „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“ Und er hält dazu an, dass unsere Gerechtigkeit weit größer sein muss (ibid., 19) „als die der Schriftgelehrten und Pharisäer.“ Andernfalls „werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Hier schließt sich der Kreis für unsere kurze Darlegung. Denn frei ist nicht jener, der seine Ehe einfach weiterlaufen lässt, aber mit dem Herzen längst woanders ist. Deshalb sagt Jesus im Evangelium dieses Sonntags (ibid., 28): „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“

Frei ist hingegen jener, der dem für ein ganzes Leben gegebene Wort – und der damit gemeinten Person – treu bleiben will und es auch kann, weil er ein Leben lang an der dafür notwendigen Freiheit arbeitet, dass er es jederzeit kann.

Das ist vergleichbar mit einem Kind, das man nicht auf Probe zeugen und zur Welt bringen kann. Die Entscheidung für ein Kind lässt sich so wenig rückgängig machen wie die Entscheidung für einen Menschen, mit dem man ein Leben lang zusammenbleiben will. Dafür ist es dann nötig, ein Leben lang daran zu arbeiten, sich die Freiheit dieser seiner Lebensentscheidung nicht nehmen zu lassen.

In dieser Freiheit und in diesem Gehorsam der gebotenen Wirklichkeit gegenüber kann sich jene Liebe entwickeln, die als Grundlage von Anfang bis Ende Jesu Bergpredigt durchzieht (ibid., 34a; 37): „Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht. Euer Ja sein ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.

Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 06/2020 (A)

Rembrandt - Simeon und das Jesuskind

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ Mit diesen Worten drückt der greise Símeon seine ganze Freude und Ergriffenheit aus, am Ziel seines irdischen Lebens, bei Gott angekommen zu sein. Seitdem beten täglich weltweit inzwischen Hunderttausende mit diesen Worten das „Abendlob der Kirche“ zum Abschluss des Tages.

Über diesen Símeon sagt das Evangelium an diesem Sonntag (Lk 2,11-40), der mit dem Fest der Darstellung des Herrn im Tempel zusammenfällt, dass er „gerecht und fromm war und auf den Trost Israels wartete“. Ihm „war vom Heiligen Geist offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe.“ So wurde Símeon vom Geist genau zu dem Augenblick „in den Tempel geführt, als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um mit ihm zu tun, was nach dem Gesetz üblich war.“ So kam es, dass „Símeon das Kind in seine Arme nahm“ und sich lobpreisend und dankend mit eben diesen Worten an Gott wendete.

Rembrandt Harmensz van Rijns hat mit seinem Bild des greisen Símeon mit dem Jesuskind nicht nur Símeon mit dem Kind, sondern allem, was sich dahinter offenbart, ein eindrucksvolles Denkmal geschaffen. Im Folgenden zitiere ich Ralph Pechmann:

»Sein Leben lang hatte dieses Motiv den Maler angezogen. Es gibt viele Skizzen und Darstellungen, die er dazu ausführte. Sein letztes Gemälde jedoch unterscheidet sich wesentlich von allen früheren Darstellungen. Als Rembrandt am 4. Oktober 1669 einsam und verarmt starb, war er 63 Jahre alt. Am Tag nach seinem Tode fand man unter vielen Gemälden dieses unvollendete Bild, das Símeon mit dem Kind auf den Armen zeigt.

Rembrandts frühe Símeonbilder zeigen hohe Hallen mit Menschen, die in einer Ecke versammelt und in Gestik und Haltung um Símeon und das Kind angeordnet sind. Am meisten drängte es den Künstler, die Hauptpersonen in Licht zu tauchen und ihre Heiligkeit durch den Kontrast zu dem sie umgebenden Dunkel zu steigern. Das Licht verlieh allem Sichtbaren in geheimnisvoller Weise Form und Kontur und drängte die Allgegenwart des Dunkels zurück. Mit jeder weiteren Ausführung des Motivs nahm die Anzahl der beteiligten Personen ab und der Kontrast von Licht und Dunkel an Intensität zu. (…)

Rembrandt verdichtet in seinen Bildern zunehmend seine Sicht vom Geheimnis Jesu. Am Ende dieses Prozesses entsteht die besondere Schau von einem intimen Geschehen: Der Künstler entdeckt sich selbst im alten Símeon – vom Kind auf den Armen getröstet nach Jahren der äußeren und inneren verzweifelten Unruhe und der Sehnsucht nach einer heilvolleren Zeit. Das "unvollendete Gemälde Simeon und das Jesuskind zeigt, (...) wie der betagte Maler am Ende seines Lebens sich selbst versteht" (Henri J.M. Nouwen). Die Geburt Jesu ist ihm weit mehr als ein historisches Ereignis: das Kind ist ihm geboren worden, er wird zum Christusträger.

Selbst fast erblindet, aber innerlich zum Sehenden geworden, malte Rembrandt den alten Símeon mit trüben Augen, die mehr in innerer Schau erkennen, als dass sie tatsächlich sehen, wen er auf seinen Armen hält. Símeons Hände wirken steif, als fassten sie ins Leere. Sein Antlitz aber leuchtet von dankbarem Ergriffensein. "Was die Augen sehen, das entscheiden nicht die Augen, sondern das Herz", sagt Martin Buber. Nicht Símeon hatte ergriffen, was er lebenslang geglaubt hatte: er selbst ist am Ende der Ergriffene, für den in diesem Kind die Gegenwart Gottes als Mitte seines Lebens, Ehre seines Volkes und Licht der Völker prophetisch aufleuchtet. Als reichte er uns den Heiland herüber, um ihn in unsere Arme zu legen – so lebendig wirken seine Ergriffenheit und seine freudige Überraschung. Nun kann Símeon in Frieden scheiden, denn er ist gewiss, dass er die Zukunft der Welt, den Erlöser in den Händen hält. Seine Sehnsucht ist an ihr Ziel gelangt!

Rembrandt malte die Weihnachtsfreude des frommen Alten gerade so, wie sie ihm selbst widerfahren war. Schließlich vollendet sich Símeons sehnsuchtsvolles Warten durch Gottes leibhaftige Antwort. "Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geborn und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verlorn" – du hättest keinen Anteil daran –, formulierte Rembrandts Zeitgenosse Angelus Silesius. Kein noch so wichtiges Geschehen in der Geschichte vermag uns zu berühren oder gar zu verwandeln, wenn es sich nicht in unserem Leben fortsetzt: Uns ist ein Kind geboren, auf dass es uns zu eigen werde.«

Pfarrnachrichten 05/2020 (A)

Berufung der ersten Jünger - russische Ikone, 18. Jh.

Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ (Jes 8,1) Dieses biblische Wort hören wir an diesem Sonntag gleich zweimal. Das erste Mal in der alttestamentlichen Lesung. Und das zweite Mal im Evangelium (vgl. Mt 4,16).

Dem Evangelisten Matthäus scheint es ein dringendes Anliegen zu sein, die alttestamentlichen Worte als durch Jesus Christus erfüllt zu deuten. „Es sollte sich erfüllen“, lesen wir bei ihm, „was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist (ibid.,14). Und er gibt, eng an Jesaja angelehnt, dessen Prophezeiung als Geschehenes wieder: „das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.“ (ibid.,16)

Im Folgenden legt Matthäus anschaulich dar, was dies bedeutet. Ganz grundsätzlich und noch sehr allgemein gibt er zuerst Jesus Worte wieder, die Jesus am Anfang seines nun beginnenden öffentlichen Auftretens und Wirkens predigte: „Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (ibid.,17)

Daraufhin wird es sehr konkret und anschaulich zugleich. Matthäus berichtet: „Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen ihre Netze in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.“ (ibid.,18-20)

Petrus und Andreas waren zwei gestandene Männer. Es spricht manches dafür, dass Petrus in einem Kleinunternehmen mehreren Fischerei-Mitarbeitern vorstand. Er hatte also Rang und Namen, trug Verantwortung für seine Mitarbeiter und war in Kafarnaum gut eingeführt. Da ist es schon überraschend, dass er und sein Bruder „sofort“ ihre Netze liegen ließen und ihm, dem Herrn auf der Stelle folgten. Ähnliches ereignete sich kurz darauf.

Als Jesus „weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus.“ (ibid.,21f) Wie Petrus und Andreas waren auch Jakobus und Johannes gut etabliert. Sie hatten ein sicheres und gutes Einkommen. Dennoch verlassen sie ebenfalls „sogleich“ nicht nur ihren festen Arbeitsplatz, sondern darüber hinaus auch ihren Vater. Ähnlich wie Petrus ja auch seine Frau „verlassen“ hat. (vgl. Mt. 8,14 usw.)

Von daher lässt sich nun gut erklären, was genau Jesus allgemeingültig an den Anfang seines Predigens und Wirkens stellt: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Und es lässt sich auch erklären, warum Matthäus Jesu erstes Auftreten und die dabei eingeschlagene Richtung und Weichenstellung für alles Folgende als nun eingetretene Erfüllung der Voraussage bei Jesaja (s.o.) deutet. Ich möchte es wie folgt erklären.

Man beginnt als Christ erst dann christlich zu leben, wenn man sein Leben mit Gottes Hilfe daraufhin prüft, ob irgendetwas im eigenen Leben dem Wort Jesu und damit der Nähe Gottes entgegensteht. Seien es bestimmte Launen, eine Tätigkeit oder Arbeitshaltung, bestimmte Kontakte oder Lebensvollzüge, die in sich nicht einmal böse sein müssen. Bis hin zu allem, was in sich eher schlecht und zugleich böse ist: Übereifer oder Faulheit, Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, Unehrlichkeit … oder was auch immer.

Man beginnt also als Christ zu leben, wenn mit der Aufforderung Jesu „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ die Frage zugelassen wird, was im eigenen Leben Gottes Nähe behindert und ihr entgegensteht. Und man daraufhin – auch wiederum mit Gottes Hilfe – sich so schnell davon löst – oder es zumindest versucht; und mit Gottes Hilfe wird es überraschend gut gelingen –, wie die Apostel ihr Bisheriges „sofort“ und „sogleich“ verlassen haben.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 03/2020 (A)

Johannes tauft Jesus im Jordan

Mit dem Fest der Taufe des Herrn an diesem Sonntag geht die Weihnachtszeit zu Ende. Vor wenigen Tagen haben wir noch den Besuch der Heiligen Drei Könige in Bethlehem gefeiert. Zwischen diesem Ereignis und der Taufe Jesu am Jordan liegen drei Jahrzehnte. In diesen Jahren wuchs Jesus heran: Fluchterfahrung, Rückkehr in seine Heimatstadt Nazareth, Kindheit und Jugend.

Für seine Eltern schmerzhaft begann er eigene Wege zu gehen (vgl. Lk 2,41-52) und trat schließlich als „Sohn des Zimmermanns“ (vgl. Mt 13,55) in die Fußstapfen seines Pflegevaters Josef. In diesen Jahren seines „verborgenen“ Lebens verdiente er sich sein tägliches Brot durch gute und rechtschaffene Arbeit.

Es sind Jahre, in denen der Gott-Mensch Jesus in seiner irdisch-sterblichen Persönlichkeit als Mensch heranreift, wie jeder andere auch. Es sind nicht nur interessante, sondern auch unverzichtbare Jahre für das Heil der Menschen. Leider sind diese Jahre des verborgenen Lebens Jesu in ihrer Bedeutung und Tragweite für das irdische Glück, das Gott uns ebenfalls schenken möchte, immer noch viel zu wenig erschlossen. 

Zu Beginn seines öffentlichen Lebens lässt Jesus sich taufen. Anfangs wollte Johannes „es nicht zulassen“. Er widersetzte sich mit den Worten: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ (Mt 3,14)

Jesus aber (Mt 3,15) „antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.“ – Andere Übersetzung lassen Jesus sagen: „Gott will es so!“ Und in der noch nicht revidierten Einheitsübersetzung stand hier bis 2016 noch: „Denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen.“

Jesus tut, was Gott will. Und Gott wiederum will die Taufe Jesu aus Gründen der Gerechtigkeit. Jesus, der ganz gerecht und ganz ohne Sünde ist, lebt mit uns, die wir nie ganz gerecht und nie ganz ohne Sünde sind. In dieser Solidarität Jesu mit uns tilgt er unsere Sünden und Ungerechtigkeiten, indem er sie sich selber aufbürdet (vgl. 2. Kor 5, 21). So geht er uns als Erster voran: durch das Bad der Taufe und der erlösenden Annahme des täglichen und schließlich des finalen Kreuzes.

Von hier aus lassen sich die drei Jahrzehnte des verborgenen Lebens Jesu in ihrer Bedeutung für uns erschließen: In seinem menschlichen Leben lebt Gott selber das Menschlich-Alltägliche. Er lebt es als Kind, als Jugendlicher, als Studierender oder Auszubildender und schließlich als Erwachsener und Erwerbstätiger. Damit durchformt und verändert sich unser Alltagsleben – durch Gottes überraschende Nähe nämlich –, bis auch wir richtig sind und gerecht dastehen. Aus eigener Kraft vermag das keiner von uns. Wohl aber mit Jesus Christus, der beständig mit uns geht.

So sind die dreißig Jahre, in denen Jesus unerkannt und verborgen arbeitete und sein Brot verdiente, eine großartige Offenbarung Gottes. Vor allem einer Offenbarung christlicher Lebenshaltung: „Lass es nur zu!“ Diese Lebenshaltung prägte dann auch das öffentliche Leben Jesu bis in den erlösenden Kreuzestod und die Auferstehung hinein.

Lassen auch wir zu, was Gott Tag für Tag, Stunde für Stunde in unsere alltäglichen Lebensvollzüge hineingeben möchte? Und auch so, wie es von ihm kommt?

Implizit wird deutlich: Das Gespür und die hautnahe Erfahrung dieser umwerfenden Nähe Gottes im alltäglichen Leben bedarf einer starken Glaubens- und Gebetspraxis. Nur dann wächst die Erfahrung, dass Gott in unserem Leben, unserem Bemühen und Arbeiten bis hinein in unser hoffnungsvolles Aushalten von Krankheit und Gebrechen überraschend Großes bewirkt. Viel Größeres, als wir aus eigener Kraft vermögen.

Und was genau ist das Große, was Gott bewirkt?

Wer betend und in vertrauter Zwiesprache mit Gott zulässt, was Gott für unser alltägliches Leben in all seinen Vollzügen will – und auch so, wie Gott es will: „dein Wille geschehe“ –, der steht zunehmend richtig und gerecht da. Der begegnet mit unfehlbarer Gewissheit Gott selber in seiner göttlichen Liebe.

Es gibt nichts Schöneres und Wertvolleres, nichts, was mehr erfüllt und beglückt, als jene Liebeserklärung, wie Gottvater sie dann Jesus gegenüber ausgesprochen hat (Mt 3,16-17): „Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“

Gott konnte vom Himmel aus so zu Jesus sprechen, weil Jesus in seinem Leben als Mensch Gott immer wieder zugehört und ihn dann so hat handeln und wirken lassen. Was also Jesus dem Johannes sagte: „Lass es nur zu!“, das sagt Jesus auch uns!

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 02/2020 (A)

Die Heiligen drei Könige - Kinder-Tusche-Zeichnung

Die Geschichte der Heiligen Drei Könige gehört mit zu den bekanntesten biblischen Erzählungen (Mt 2,1-12). Wohl auch, weil sie den Reiz des Geheimnisvollen in sich trägt. Dazu gehört die Faszination, dass ein Stern einer Gruppe Auserwählter den Weg weist. Und die Auserwählten sind nicht irgendjemand. Es sind Kluge und Weise, die Ansehen genießen und in ihrem Leben gewöhnlich gut zurechtkommen.

Der Stern führt sie über ihre von Natur gegebenen Möglichkeiten hinaus, wobei sich die Auserwählten klug und weise führen lassen. Ihr außergewöhnliches Verhalten lässt sie schließlich Gottes übergroßen Segen erfahren. Und dadurch werden sie auch selber für andere zum Segen.

In Jerusalem, der damaligen Hauptstadt Israels angekommen, fragen Sie nach dem neugeborenen König der Juden. Noch wissen sie nichts vom abgründigen Alleinanspruch des Herodes, der sich am Ende in der widerlichen Ermordung unschuldiger Kinder entlädt. Schlimm ist auch das Verhalten der Hohepriester und Schriftgelehrten. Obwohl sie nun wissen, dass der "Hirt des Volkes Israel" in Bethlehem, in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft geboren wird, bleiben sie einfach zu Hause.

Die Geschichte hat auch mit uns zu tun. Einem jeden ist ein "Stern" beschieden. Gott gewährt auch uns ein gutes Maß weiser Klugheit. Er schenkt darüber hinaus in Anderen und in Ereignissen wunderbare Anhaltspunkte, um den eigenen Weg zu finden: Einen Weg, den er uns bereitet hat, und den wir für uns aus eigener Kraft passender und schöner nicht finden können. Dafür müssen wir es jedoch so machen, wie die "Sterndeuter aus dem Osten".

Sie begeben sich auf den Weg. Sie fragen und lassen sich helfen. Dabei bedient sich Gott sogar derer, die in ihrem Leben enttäuschend und auch erschreckend scheitern. Anders als diese gehen die drei Könige vor dem göttlichen Kind in die Knie. Sie beten den wahren Gott an. Deshalb können sie auch dem Stern folgen, der sie am Ende punktgenau ins Ziel führt. Und sie wurden auf ihrem Weg bis dorthin von sogar "sehr großer Freude erfüllt", wie es wörtlich im Evangelium nach Matthäus (ibid., Vers 10) heißt.

Zu guter Letzt haben sie mit Gottes Hilfe den Mut und die Kraft, ihnen inzwischen bekannte, aber unheilbringende Wege fortan zu meiden. So suchen und finden sie souverän andere Wege, auf denen sie ankommen und ihr Ziel, schließlich ihr endgültiges Zuhause sicher erreichen.

Nun ist es an uns, die Heiligen Drei Könige als zutiefst gottverbundene Friedensbringer in ihrer Kraft und Segen spendenden Lebensweise auch für uns persönlich zu entdecken.

(Pfr. Dfr. Volker Hildebrandt)